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Uranmunition

Halbe Wahrheiten und ganze Lügen -
wie die Gesundheitsgefährdung durch Uranmunition kleingeredet wird

Mit Zitaten aus "Die Zeit"

Die kursive gesetzten Sätze sind ein Beitrag des "Wissenschaftsjournalisten" Gero von Randow, der in der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlicht wurde. Ich habe zuvor schon unter der Überschrift "halbe Wahrheiten und ganze Lügen" Beiträge der "Welt" und ein Interview von Rudolf Scharping kommentiert. Da war Gero von Randow für mich eine Herausforderung, da er es zugegebenermaßen weitaus geschickter als die beiden anderen anstellt, die Gefahr durch Uranmunition zu bagatellisieren, deren Einsatz zu rechtfertigen und die Bevölkerung zu beruhigen.

Krisenmanagement ist keine Spezialität dieser Bundesregierung. Da sterben Nato-Soldaten an Leukämie, da ist von radioaktiver Munition die Rede - doch aus Berlin ist erst gar kein Kommentar, dann nur ein lapidarer, dann ein Hinweis auf die regelmäßige Unterrichtung des Verteidigungsausschusses zu hören. Ansonsten darf der verunsicherte Bürger ein paar offizielle Dokumente unter www.bundeswehr.de anklicken. Die Menschen haben Angst, auch die Soldaten, aber Rudolf Scharping muss sich schon sehr zwingen, im Radiointerview das Wort "leider" herauszuquetschen. Wen wundert es, dass da Misstrauen entsteht? Zumal die Erfahrungen mit der Transparenz in Militärdingen nicht eben vertrauensbildend sind. Gab es nicht die jahrelang vertuschten Schäden durch chemische Kampfstoffe der US-Truppen in Vietnam?

Die Politik sendete nur spärliche Signale in diesen Tagen.

Gero von Randow kritisiert das Krisenmanagement des Rudolf Scharping völlig zu Recht als mangelhaft. Aus den dann folgenden Ausführungen geht nicht hervor, welche Ursachen er dafür annimmt. Vielleicht hält er den Minister einfach nur für unfähig. Es gibt jedoch für das mangelhafte Krisenmanagement des Rudolf Scharping erkennbare Ursachen, nämlich sein Bemühen, Tatsachen zu vertuschen und zu verschleiern, um nicht politisch und persönlich zur Verantwortung gezogen zu werden. Gero von Randow kritisiert nicht etwa die Kriegsverbrechen der NATO, sondern diejenigen, die versuchen, diese aufzudecken.

Dafür geriet die "vierte Gewalt" außer Rand und Band. Die Wettbewerber am Medienmarkt überboten einander. "UNO: NATO vergiftet Kosovo" titelte die taz am vergangenen Wochenende. Doch was hatten die Experten der UN-Umweltorganisation Unep soeben im Kosovo tatsächlich entdeckt? "Leicht erhöhte Radioaktivität" an einigen Einschlaglöchern; ansonsten habe man "keine größeren kontaminierten Flächen gefunden" (Unep-Presseerklärung). Gleichwohl, selbst die Süddeutsche Zeitung geißelte einen Verstoß gegen die Genfer Konventionen ("grausame Waffen"). Zu den Erkenntnissen der Massenpsychologie gehört, dass im Falle kollektiver Hysterie alles für möglich gehalten wird - von allen. Sogar im Deutschlandfunk war zwischendurch von "Plutoniumgeschossen" die Rede, und wer sich die Mühe machte, die Regionalzeitungen zu durchstöbern, entdeckte die abenteuerlichsten Vermutungen, zum Beispiel diese: Heimlich habe die Nato im Kosovo neuartige Verseuchungswaffen getestet (in Wahrheit wird die Munition seit beinahe 30 Jahren verschossen). Jeder wollte, jeder musste ausgefallene Ware bieten. Die Welt enthüllte, dass auch in Deutschland mit Uran herumgeballert werde - als wenn das etwas Neues wäre. Seit 1978 sind US-Flugzeuge vom Typ A-10 auf Truppenübungsplätzen im Einsatz, und dass die Bordkanone auch urangehärtete Munition ausspuckt, war nie ein Geheimnis. Grundregel: Die Geschichte nicht "kaputtrecherchieren" Es gilt die Kosten-Nutzen-Relation. Recherche kostet Zeit - aber es kommt im Journalismus auch darauf an, wer "Erster!" rufen kann; wir erinnern uns an CNN und die amerikanische Wahl. Und immer lauert die Gefahr, durch allzu genaues Nachforschen seine Geschichte "kaputtzurecherchieren": Ein Wort, das auf Journalistenschulen gelernt wird.

Es ist die explizite Aufgabe der "Vierten. Gewalt", in allen Richtungen zu recherchieren, unterschiedlichste Theorien dieser Recherche zugrunde zu legen und die Theorien und Ergebnisse dieser Recherche zur öffentlichen Diskussion zu stellen. Die Alternative dazu wäre die politische Gleichschaltung der Medien, die als Werkzeug der Herrschenden nur die Informationen verbreiten, die von den Herrschenden gewünscht werden. (Weiter unten im Text nennt Gero von Randow die "Propagandaschlacht" Miloševics und Saddam Husseins.) Der Einsatz von "Agent Orange" durch US-Soldaten und die damit verbundenen Folgen für die Zivilbevölkerung Nordvietnams, die auch fast 30 Jahre nach diesem Krieg noch darunter zu leiden hat, wurde nicht von den für den Einsatz verantwortlichen Militärs oder den Politkern aufgedeckt, sondern von exakt recherchierenden Journalisten, der "Vierten Gewalt" eines sich demokratisch nennenden Staates.

Den Journalisten, die jetzt die Folgen des Einsatzes von Uranmunition öffentlich machen, wirft von Randow vor, "außer Rand und Band" zu sein, sowie "kollektive Hysterie". Man kann sich vielleicht noch darüber streiten, ob mit der Bezeichnung "Plutoniumgeschosse" solche Urangeschosse hinreichend beschrieben werden, die aus dem Atommüll von Wiederaufarbeitungsanlagen hergestellt wurden und die 0,13% Dosisanteil Plutonium enthalten. Die Bezeichnung Plutoniumgeschosse dafür ist zur besseren Unterscheidung von solchen Urangeschossen, die aus dem Atommüll der Brennelementeproduktion hergestellt wurden und die nur abgereichertes Uran ohne Plutonium enthalten, jedenfalls nicht falsch.

Es mag ja sein, daß Gero von Randow es besser weiß und er deshalb die Bezeichnung "neuartig" für die Urangeschosse ablehnen muß. Offenbar war die Geheimhaltung der NATO erfolgreich gewesen, denn selbst in der Friedensbewegung, in der ja auch die Deutsche Kommunistische Partei mitarbeitete, waren Urangeschosse in den siebziger und achtziger Jahren kein Thema. Gero von Randow, der damals als Mitglied der DKP für eine kommunistische Jugendzeitung schrieb, hatte es seinerzeit offensichtlich auch nicht gewußt, sonst hätte er es veröffentlichen müssen. Seine "elan" hätte es sicher gedruckt, andere NATO-kritische Artikel sind dort jedenfalls erschienen. Dem Autor kann deshalb unterstellt werden, daß seine Kollegenschelte nur den Zweck verfolgt, genauere Recherche zu verhindern, um den politisch Verantwortlichen das Bekanntwerden des Ausmaßes der von ihnen verursachten Katastrophe zu ersparen.

Der stern beispielsweise hatte seine Irak-Reportage, die in der vergangenen Woche erschien, mitnichten kaputtrecherchiert. Grausige Bilder missgebildeter Kinder und anderer kranker Menschen wurden mit der unbelegten Behauptung kommentiert, die US-Munition sei schuld (und nicht etwa Saddams Chemiewaffen, der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung, die Umweltschäden oder andere Missstände im Irak).

Der Autor wirft dem stern vor, unbelegt zu behaupten, daß Mißbildungen und schwerste Gesundheitsstörungen bei Kindern im Irak auf den amerikanischen Einsatz von DU-Munition zurückzuführen sei. Am 6. Juli 1998 hat das US-amerikanische National Institute of Health (nationale amerikanische Gesundheitsbehörde analog zu unserem Gesundheitsministerium) die wissenschaftliche Untersuchung von Miller et. al. veröffentlicht, die den ursächlichen Zusammenhang zwischen abgereichertem Uran und Krebserkrankungen beweist: eine geringe Menge Alpha-Teilchen reichte aus, um aus Knochenzellen (Osteoblasten) Krebszellen entstehen zu lassen.

Professor Dr. Dr. med. habil. Siegwart Horst Günther hat die Gesundheitsschäden durch Uranmunition im Irak wissenschaftlich dokumentiert. Die Erkrankung in Folge von Schwermetallvergiftung mit Uran ist international nach ihm als Erstbeschreiber "Morbus Günther" benannt. Wenn Gero von Randow seinen Artikel zum Thema Urangeschosse hier veröffentlicht hat, ohne Professor Günther zu kennen und zu befragen, hat er nur schlampig recherchiert und formuliert. Wenn er ihn kennt und trotzdem von einer "unbelegten Behauptung" schreibt, ist er ein Lügner!

Im Irak sind 250.000 Männer, Frauen und Kinder nach dem Einsatz von DU-Munition erkrankt, das sind fünfmal so viele wie vor dem Krieg. Die Erkrankten kommen aus dem Süden des Landes, wo die Munition überwiegend eingesetzt wurde. Von 1 050 Krebserkrankungsfällen stammen allein 765 aus einem Landwirtschaftsgebiet westlich von Basrah; dort tobte 1991 eine Panzerschlacht, bei der DU-Munition eingesetzt wurde. Diese signifikante Häufung von Krebserkrankung in einem begrenzten Gebiet läßt sich nicht mehr mit einem unzureichenden Gesundheitssystem und allgemeiner Umweltzerstörung durch brennende Ölfelder, die sich nicht in einem Landwirtschaftsgebiet befinden, erklären. Da liegt es vielmehr nahe, den Zusammenhang von Einsatz von DU-Munition auf beschränkte Gebiete im Irak und die dort gleichzeitig stattfindende Häufung von Krebserkrankungen zu betrachten . Merkmale, wie die unzureichende mediznische Versorgung durch allgemeine Mißstände hätten eine gleichmäßigere Verteilung der auftretenden Krankheiten zur Folge.

Und aus offiziellen Erklärungen der NATO geht hervor, daß im Golfkrieg seitens des Irak kein Giftgas eingesetzt wurde.

Nun gibt es, wie stets, Experten und Gegenexperten. Wie soll man da durchfinden? Diese Frage hatten sich die Kollegen von BBC offenbar gar nicht erst gestellt, als sie vor einigen Monaten eine Schätzung verbreiteten, der zufolge die Munition aus abgereichertem Uran zu 10 000 Krebstoten im Kosovo führen werde. Hätte es nicht nahe gelegen, einmal über die Plausibilität nachzudenken? Nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki, der 240 000 Menschenleben auslöschte, starben 420 Menschen mehr an Krebs, als statistisch normal gewesen wäre: Das ist die Auskunft der offiziellen japanischen Krebsstatistik. Also 420 in Japan und 10 000 im Kosovo?

Der Autor verschweigt den Zeitraum der 420 mehr Krebstoten nach dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki. Sind es pro Jahr 420 mehr Krebstote oder insgesamt. Wenn ersteres zutrifft, dann wären das in 55 Jahren über 23000 Menschen. Ganz unabhängig davon, hat der Autor ein erschreckendes Menschenbild. Denn 420 vermeidbare Krebstote sind 420 zu viel. Der Autor teilt wohl die Ansicht der verantwortlichen Militärangehörigen und Politiker, daß Rüstungstechnologie dann zu rechtfertigen ist, wenn nur nicht allzu viele Menschen daran sterben.

Gero von Randow fordert eine Plausibilitätskontrolle: er hätte es selbst leicht nachrechnen können.

Für die Anzahl akuter Todesfälle ist es sehr wesentlich, ob eine atomare Kettenreaktion stattfindet oder der radioaktive Stoff unterhalb seiner kritischen Menge seine Strahlung langsam über Jahre aussendet, für die Langzeitschäden ist dies relativ weniger wesentlich. Bei der Hiroshimabombe ist nach der Kettenreaktion kaum noch Uran mehr vorhanden, sondern beispielsweise Strontium 90 und Xenon 144, Rubidium 93 und Caesium 140, Krypton 94 und Barium 139. Endprodukte der Atomkernspaltung können zwar auch strahlen, daß Uran selbst ist jedoch durch die Kettenreaktion verbraucht. Die Anzahl der "Soforttoten" nach der Hiroshimabombe wird allgemein auf 100 000 geschätzt, hinzu kamen 150 000 weitere "Langzeittote" innerhalb der letzten 55 Jahre. Ob in dieser Zahl wirklich nur 420 vermeidbare Krebstote enthalten sind, ist zu bezweifeln. Diese Angabe von Gero von Randow scheint einer Plausibilitätskontrolle jedenfalls nicht standzuhalten.

Bei der Uranmunition handelt es sich hingegen überwiegend um solches Uran 238, daß in der "natürlichen" Zerfallsreihe unter Abgabe von Alpha-Strahlung zu Thorium 234 zerfällt, das wiederum zu Protaktinium 234 und Uran 234, dann folgen die Alpha-Strahler Thorium 230, Radium 226, Radon 222, Polonium 218. Erst nach sieben weiteren Schritten folgt als Endprodukt nichtradioaktives Blei.

Das Gas Radon ist besonders gefährlich, da es als unsichtbares, geruch- und geschmackloses Gas direkt in die Lunge gelangt. Beim Einatmen radonhaltiger Luft werden ca. 25 % des radioaktiven Gases vom Körper aufgenommen. Das kurzlebige Radon zerfällt in der Lunge direkt, zerstrahlt in Körperflüssigkeiten und hinterläßt dort eine Kette von weitere Strahlungsprozessen durch seine ebenfalls radioaktiven Zerfallsprodukte im ganzen Organismus. Radon und die Produkte seiner radioaktiven Zerfallskette wirken so direkt innerhalb des Körpers. Radioaktive Kleinionen als Folgeprodukte in der Luft lagern sich zusätzlich an lungengängigen Feinstaub an und finden ebenso den Weg in den Körper. Durch die einwirkende Alphastrahlung ist das Gesundheitsrisiko, insbesondere für Lungenkrebs, sehr hoch. Das Radon nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache von Lungenkrebs. Durch die Summe von Radonbelastung und Rauchen wird das Krebsrisiko noch um ein Vielfaches erhöht.

Die Hiroshimabombe hatte ein Gesamtgewicht von 4 bis 4,5 Tonnen. Darin waren aber "nur" 60 kg spaltbares Uran enthalten. Die Gesamtmenge der Materie, die radioaktive Strahlung aussenden kann, war um ein 140faches geringer als die Gesamtmenge des abgereicherten Urans, das nach Angaben der NATO in 31000 Geschossen im Kosovo abgeschossen wurde: achteinhalb Tonnen Uran.

Die Krebsgefahr ist proportional zur Wahrscheinlichkeit, mit der ein Alpha-Teilchen die genetische Substanz einer lebenden Zelle trifft und zerstört. Diese Wahrscheinlichkeit ist proportional der Menge des Urans. Da vom Körper aufgenommener Uranoxidstaub in die Knochen eingelagert wird, haben die Alpha-Teilchen trotz ihrer kurzen Reichweite eine hohe Wahrscheinlichkeit, die Zellkerne von Knochenzellen und Knochenmarkszellen (blutbildende und Immunzellen) zu treffen.

Nach Angaben des Präsidenten der US-Golfkriegsveteranen sind vom Golfkriegssyndrom mind. 50 000 US-Armeeangehörige betroffen. Es mußten 39 000 davon aufgrund der Erkrankung aus dem Militärdienst entlassen werden. Mindestens 2 400 sind bereits verstorben. Diese Soldaten waren nur wenige Monate im Irak, während die Zivilbevölkerung jahrelang betroffen ist.

Nach Berechnungen der IPPNW hat die radioaktive Belastung durch die ca. 1000 Atombombenexplosionen zu Testzwecken ca. 430 000 Todesfälle verursacht. Überirdische Test wurden bis ca. 1965 durchgeführt, danach fanden die Test unterirdisch statt. Die Gesamtmenge des im Kosovo überirdisch verschossenen Urans liegt in der Größenordnung der überirdischen Atomwaffentests.

Aus allen diesen Fakten und Schlußfolgerungen ergibt sich: Die Größenordnung der von den Journalisten des BBC und dem Biologen Roger Coghill angenommen zu erwartenden Krebstodesfälle von 10 000 ist durchaus plausibel.

Es ist übrigens nur die halbe Wahrheit, sich bei der Einschätzung der Gesundheitsgefährdung auf die Krebstoten zu beschränken. Uranoxidstaub, in die Knochen eingelagert, verursacht dort nicht nur Knochenkrebs und Leukämie, wesentlicher ist die Schädigung des Immunsystems. Die Betroffenen sterben dann, wie bei AIDS, an Infektionen.

Vielleicht hätte man sich auch den Urheber der Zahlen näher ansehen sollen: Es handelte sich um Roger Coghill, einen obskuren Biologen, der ansonsten vom Verkauf angeblich heilender "Supermagnete" lebt.

Hier folgt eine Behauptung, die die Person des Wissenschaftlers Roger Coghill unglaubwürdig machen soll. Weshalb ist er "obskur"? Etwa, weil er angeblich heilende "Supermagnete" verkauft? Selbst wenn es stimmt, daß Coghill an anderen Stellen unwissenschaftlichen Unsinn verbreitet, müßte ein Kritiker belegen können, was er hier falsch gemacht hat.

Am besten vertraut man noch auf Leute, die nicht zu einer Konfliktpartei gehören, einen Ruf zu verlieren haben und ohne Geheimhaltung arbeiten. Zum Beispiel das internationale Unep-Team, dessen Zwischenbericht vom Dezember 2000 jede Verbreitung in deutschen Redaktionen zu wünschen ist (SSI-News, Vol. 8). Oder das hochangesehene Duo Steve Fetter (University of Maryland) und Frank von Hippel (Princeton). Von Hippel ist ein weltweit bekannter - und als Fachmann ernst genommener - Aktivist gegen Atomwaffen aus dem Umfeld des nicht gerade staatstreuen Bulletin of the Atomic Scientists. In ihrer Studie (Science & Global Security, Vol.8, No. 2, 1999), kommen die beiden Atomkritiker zu folgendem Schluss: "Es ist unwahrscheinlich, dass Kontamination durch abgereichertes Uran irgend einen messbaren Einfluss auf die Volksgesundheit im Irak oder in Jugoslawien haben wird." Grundlage ihrer Studie sind die wissenschaftliche Literatur sowie Schätzungen und Rechenformeln, die lieber zu viel als zu wenig Risiken annehmen.

Biologen, wie Roger Coghill, sind naturwissenschaftliche Forschungsmethoden vertraut. Warum sollten denn seine Schlußfolgerungen also weniger seriös sein, als die des angeblich unabhängigen Unep-Teams, dessen Mitarbeiter hauptsächlich aus den NATO-Staaten kommen, deren Forschungsgegenstände in Labors in den NATO-Ländern untersucht werden. Der zitierte Zwischenbericht von Unep ist selbst keine wissenschaftliche Studie, sondern eine allgemeinverständliche, öffentlichkeitswirksame Zusammenfassung von vorgenommenen Untersuchungen, deren zugrundeliegende Studiendesigns nicht nachprüfbar sind.

Warum sollten die von den USA bezahlten Wissenschaftler Fetter (University of Maryland) und Hippel (University of Princeton) angesehener sein, als Miller et. al, die einen ursächlichen Zusammenhang zwischen abgereichertem Uran und Krebserkrankung festgestellt haben und deren Ergebnisse auf der homepage der US-Regierung veröffentlicht ist. Gelten nur solche Wissenschaftler als hochangesehen, die durch ihre Veröffentlichungen zur politisch erwünschten allgemeinen Beruhigung beitragen können?

Im übrigen ist die Studie von Fetter und von Hippel alles andere als beruhigend. Sie schreiben zwar: "The health risks associated with radiation from exposures to depleted uranium are relatively low—so low as to be statistically undetectable, with one exception: Radiation doses for soldiers" und Gero von Randow verschweigt in seiner Übersetzung das Wort "relativ". Fetter und von Hippel vergleichen das Uranrisiko mit anderen Risiken, die unbestreitbar höher sind.

Die zuvor erwähnten Baubiologen haben richtig festgestellt: Das Radon ist nach dem Rauchen die zweithäufigste Ursache von Lungenkrebs. Also unbestritten: Rauchen ist gefährlicher als Radon. Das Problem Radon ist lange unterschätzt worden. In einem Lehrbuch des Strahlenschutzes, Erstauflage Anfang der 50er Jahre, sind die Werte für "natürliche" Hintergrundstrahlenbelastung etwa ein Drittel niedriger angegeben wurden als in der damals aktuellen Auflage von ca. 1980. Dazwischen lagen die überirdischen Atomwaffentests, insbesondere der USA und zahlreiche neue Atomkraftwerke. Die Hintergrundstrahlung steigt und die Werte dafür werden "angepaßt". Der Grund dafür, das die Hintergrundstrahlenbelastung jetzt größer angegeben wird, liegt hauptsächlich an dem lange unterschätzten Problem "Radon". Das (genaugenommen dessen Folgeprodukte) machen allein ca. 50% der effektiven Dosis aus.

Wie ist es mit der Belastung durch freigesetztes, nicht im Gestein gespeichertes Uran?

Daraus entsteht durch Zerfall nach einigen Schritten Radon, das wird dann das Problem (s.o.), jedenfalls in Innenräumen.

Welchen Anteil haben nun die Urangeschosse an dem durch Menschen freigesetzten, nicht im Gestein gespeichertem Uran?

Hier nennen Fetter und von Hippel in der erwähnten Studie interessante Zahlen:

Im Irak wird der durchschnittlichen Hintergrundstrahlung bis zu 10% hinzugefügt. Sie haben dabei aufgrund von Ergebnissen militärischer Tests angenommen, daß 20% des Urans verbrennt, dabei aus einem Geschoß etwa 1 kg Uranoxidaerosol entsteht. 15% des unlöslichen inhalierten Urans bleibt länger als ein Jahr in der Lunge. Wieviel in den Knochen eingelagert wird, darüber finden sich bei Fetter und von Hippel keine Angaben, das ist nach Günther jedoch das größere Problem. Sie schließen jedoch folgenden Vergleich an: Die durchschnittliche Dosis, die durch abgereichertes Uran aufgenommen wird, entspricht der Hälfte der durchschnittlichen Dosis, die eine Familie in einem typischen Einfamilienhaus durch Radon aufnimmt.

Für Radon nennen Fetter und von Hippel eine Lungenkrebstodesrate von 1:20 000. Für abgereichertes Uran wäre die Lungenkrebstodesrate demnach noch einmal um die Hälfte geringer.

Sie nennen dafür keinen Beleg, aber dieses beweist tatsächlich, daß das Lungenkrebsrisiko durch abgereichertes Uran relativ gering ist. Jeder fünfte von uns wird an Krebs sterben, das Lungenkrebsrisiko von Rauchern ist höher als das Lungenkrebsrisiko von Nichtrauchern infolge Radon 1:20 000. Für abgereichertes Uran wäre dann das Lungenkrebsrisiko 1: 40 000. Bei etwa zwei Millionen Bewohnern des Kosovo sind das in absoluten Zahlen fünfzig Menschen!

Eine solche Zahl ist vielleicht statistisch nicht meßbar. Immerhin gibt es nach dem Krieg im Kosovo dort keine funktionierende Verwaltung. Fetter und von Hippel haben also recht. Wenn jedoch in der Zweimillionenstadt Hamburg irgendein (nicht staatlich legitimierter) Terrorist den Tod von "nur" 50 Menschen verursacht, dann würde auch die "Zeit" in "Terroristenhysterie" verfallen.

Im übrigen haben auch Fetter und von Hippel festgestellt, daß die toxische Wirkung des Urans als Schwermetall wesentlicher ist. Die Gefährdung durch in die Knochen eingelagertes Uran als Alpha-Strahler mit dem Risiko der Verstrahlung des Knochenmarkes, was eine Schädigung der dort gebildeten Immunzellen zur Folge hat oder auch Leukämie, ist in der Studie von Fetter und von Hippel leider nicht untersucht worden.

Bei der Beurteilung von wissenschaftlichenStudien ist es aufschlußreicher, den Auftraggeber der Untersuchung und das Design der durchgeführten Studie zu betrachten, als Bewertungen vorzunehmen, die von "angesehenen Wissenschaftlern" und "obskuren Biologen" ausgehen. Es spricht nicht gerade für die wissenschaftsjournalistische Seriosität des Autors.

Der Innenraum eines getroffenen Panzers wird zur Hölle. Was wurde eigentlich im Kosovo verschossen? Nicht etwa explodierende Granaten, wie die Süddeutsche Zeitung zu berichten wusste, sondern Munition ohne Sprengwirkung. Ihr harter Kern besteht aus einem knapp zehn Zentimeter langen Stück abgereicherten Urans (depleted uranium, DU) - Abfall aus der Kerntechnik, weitaus harmloser als die in der Natur vorkommende Uranmischung. Verschossen wird das Zeug von der Bordkanone der A-10, und zwar abwechselnd mit normaler Munition; meistens enthält jede fünfte Patrone DU. Schwedischen Berechnungen zufolge verschießt eine A-10 pro Angriff etwa 50 bis 100 Patronen, also 10 bis 20 DU-Stifte, über einem schmalen Geländestreifen von 10 mal 50 Metern. Die Munition ist panzerbrechend. Sie ändert ihre Materialeigenschaft beim Aufprall und wird

zu einer extrem harten Lanze. Anschließend pulverisiert ein großer Teil des Materials und entzündet sich; im Innenraum des getroffenen Panzers bricht die Hölle los. Den im brennenden Panzer umherfliegenden Metallstaub konzentriert einzuatmen könnte in der Tat riskant sein - aber wovon reden wir da? Im Golfkrieg mussten 113 US-Soldaten erleben, dass ihr Fahrzeug von DU-Geschossen der eigenen Truppe zerstört wurde. 13 starben, 50 wurden verwundet: Es wäre, gelinde gesagt, unangemessen, in diesem Zusammenhang das geringe Risiko einer Verstrahlung zu problematisieren; sie ergäbe laut Unep-Bericht eine Strahlenbelastung, die noch innerhalb der Schwankungsbreite der natürlichen Belastung liegt. Noch geringer ist die Strahlendosis für jemanden, der während des Angriffs neben einem Panzer steht - und auch er wird davor am wenigsten Angst haben. Kurz darauf ist das Pulver dermaßen verteilt, dass es nach den Berechnungen beider Studien radiologisch keine Rolle mehr spielt. Freilich ist Uran ein Schwermetall wie Blei oder Cadmium, das die Nieren angreifen kann. Bis zum ersten Regen fliegt der Staub durch die Luft, danach wird er an Bodenstoffe gebunden. Um bis dahin so viel DU-Pulver einzuatmen, dass die Nieren geschädigt werden können, müsste jemand schon eine längere Zeit in der Wolke stehen bleiben, die von etlichen Geschosssalven hervorgerufen wurde - "ein höchst unwahrscheinliches Szenario", schreiben Fetter/von Hippel. Auch das Betreten des zerschossenen Panzers gilt als unproblematisch, zumindest wenn eine Schutzmaske getragen wird. Wenn die Soldaten abziehen, kehren die Zivilisten in die Heimat zurück. Munitionsteile, schwarze Rückstände aus Uranmunition sowie zerschossene und ausgebrannte Fahrzeuge liegen im Gelände und in Ortschaften herum. Welche Gefahr geht davon aus? Kriegsgenerationen wissen: Munitionsreste muss man liegen lassen. Wer Uranstücke, die anders als manch andere Geschosse nicht explodieren können, ein paar Tage lang in der Hosentasche trägt, empfängt eine erhöhte Strahlungsdosis. Zwar droht keine Verbrennung und auch kein messbar höheres Krebsrisiko, schreiben Fetter/von Hippel, aber ein leicht vermehrtes Risiko könnte entstehen, wenn sich jemand einen Kettenanhänger daraus bastelt. Gefahr tritt freilich auf, wenn Uranstaub in den Magen-Darm-Trakt gerät - Vergiftungsgefahr, keine Strahlengefahr, es sei denn, jemand isst 30 Gramm lösliches oder gar 600 Gramm unlösliches Uranpulver (Fetter/von Hippel). Insbesondere Kinder, die an den Einschlagstellen kontaminierte Erde in den Mund nehmen, sind chemisch gefährdet (Unep-Studie). In den ersten Tagen sollten Tiere daran gehindert werden, an der kontaminierten Stelle zu grasen - in die Milch oder ins Schlachtfleisch könnte zu viel Schwermetall gelangen (was freilich auch im Fall von Bleigeschossen gälte); ein ähnliches Kurzzeitrisiko birgt das Grundwasser unmittelbar neben den Einschlagorten. Doch auch diese Risiken wären zu klein, um sie durch statistische Vergleichsstudien erfassen zu können, schreiben Fetter und von Hippel, und die Unep fügt an, dass die verbleibenden Stäube niemanden daran hindern sollten, in seine Heimat zurückzukehren. Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man die fraglichen Stellen absperren; würden sie anschließend umgepflügt und bewirtschaftet, verteilte sich das Restgift in ausreichendem Maße (Unep).

Richtig ist, daß Urangeschosse nicht wie Uranbomben detonieren. Wenn sie hingegen das harte Material eines Panzers oder auch nur das weiche eines menschlichen Körpers durchschlagen, wird die kinetische Energie in Wärme umgewandelt. Das Uran verbrennt zu Uranoxid. Jeder, der in der Schule Physik gehabt hat, weiß, daß Materie sich bei Erhitzung ausdehnt. Deshalb kann man zu Recht davon sprechen, daß Urangeschosse Einschläge und Wunden "vom Explosionstyp" verursachen. Die "Süddeutsche" hätte also ausführlicher und genauer beschreiben können, anstatt zu "explodierenden Granaten" zu verkürzen. Gero von Randows verbale Spitzfindigkeit gegenüber seinen Kollegen von der "Süddeutschen" ist jedenfalls angesichts der Leiden, die Urangeschosse verursachen, völlig unangemessen.

Laut von Randow ist das abgereicherte Uran "weitaus harmloser" als das natürlich vorkommende Uran. Das abgereicherte Uran besteht aus 99,8% U 238 und 0,2% U 235, das natürlich vorkommende Uran besteht aus 99,3% U 238 und 0,7% U 235. Für U 238 beträgt die spezifische Aktivität 12450 Bq/g und für U 235 80010 Bq/g. Somit kann der Leser leicht nachrechnen: Die Radioaktivität des abgereicherten Urans beträgt demnach 97,4% der gleichen Menge des natürlichen Urans. Ob diese Reduzierung um nur 2,6% die Bewertung "weitaus harmloser" rechtfertigt, darf bezweifelt werden.

Von Randow behauptet, daß die radioaktive Belastung innerhalb eines getroffenen Panzers noch innerhalb der Schwankungsbreite der Hintergrundstrahlung läge. Fetter und von Hippel haben berechnet, daß aus einem Geschoß etwa 1 kg Uranoxidaerosol entsteht. Die effektive Dosis von der Inhalation abgereicherten Urans, das aus der Anreicherung von Natururan herrührt, beträgt also 119 mSv pro Gramm Uran, ist dem Infoblatt des WISE-Uraniumprojekt zu entnehmen. Im Mittel liegt die Hintergrundstrahlung bei 2,4 mSv pro Jahr. Ein Fünfzigtausendstel des Uranoxidaerosols, das durch ein einziges Geschoß entsteht, also 0,02 g davon enthält eine radioaktive Dosis, die genauso groß ist wie die unserer Hintergrundstrahlung. Auch die Hintergrundstrahlung ist nicht ungefährlich, das ist am Beispiel Radon bereits gezeigt. Wenn der Soldat im Panzer nur 0,02 g des Uranoxidaerosols einatmet, hat er sein Lungenkrebsrisiko verdoppelt. Um die Konzentration des Uranoxides (1kg) so zu verdünnen, daß der Soldat bei nur einer einzigen Stunde Aufenthalt nicht mehr als diese 0,02g inhaliert, müßte der Innenraum seines Panzers schon so groß sein, wie ein Haus.

Selbstverständlich wird kein Mensch wissentlich 30 g Uranpulver essen. Wenn dieses jedoch sich in Nahrungspflanzen oder Milch nur in einer Konzentration von 1 zu 1 Million anreichert (das liegt wahrscheinlich unter jeder Nachweisbarkeitsgrenze), dann hat ein Mensch auch diese Menge in 40 Jahren aufgenommen. (Bei einer Konzentration von 1 zu 100000 bereits in vier Jahren und bei 1 zu 2000 in einem knappen Monat).

Zynisch klingt der Vorschlag der UNEP: "Um auf der sicheren Seite zu sein, sollte man die fraglichen Stellen absperren; würden sie anschließend umgepflügt und bewirtschaftet, verteilte sich das Restgift in ausreichendem Maße." Durch eben diese gleichmäßige Verteilung ist auch das Risiko verteilt. So ist sichergestellt, daß man keine statistische Veränderung nachweisen kann bei der Bevölkerung des Kosovo gegenüber anderer. Wir erinnern uns. Nach "Tschernobyl" wurde ebenfalls das Risiko verteilt: die Milch von strahlenbelasteten Kühen mit der von unbelasteten "gepanscht", daß Grenzwerte eingehalten und das Risiko verteilt wurde. Bei stochastischer Verteilung des "Restgiftes" werden auch das Krankheitsrisiko stochastisch verteilt. Warum werden die "fraglichen Stellen" nicht abgetragen und sicher deponiert? Immerhin macht die UNEP ihre Interessenlage deutlich: die verbleibenden Stäube sollten niemanden daran hindern, in seine Heimat zurückzukehren. Die Staaten, die ihre Flüchtlinge wieder in den Kosovo abschieben wollen, können dies also gewissenlos tun.

Wie alles Wissen ist auch dieses nur vorläufig. Doch angesichts der Gesundheitsgefahren im ehemaligen Kriegsgebiet - von den Minen über Explosivmunition bis hin zu verbrannten Chemiefabriken und zur zusammengebrochenen Infrastruktur - ist es von ausgemachter Dreistigkeit, das vergleichsweise winzige Uranrisiko großzuschreiben. Und zynisch obendrein, denn es wird mit der Angst der beteiligten Soldaten gespielt.

Wer die Gefahr der Uranmunition hervorhebt, wird damit nicht die anderen Gefahren bagatellisieren. In Stojanka Aleksics Bewertung der größten Umweltkatastrophe der Geschichte spielt die Uranmunition nur eine Rolle neben vielen anderen Umweltverbrechen der NATO.

Viele Soldaten und ihre Angehörigen wurde in diesen Tagen das "Balkan-Syndrom" fürchten gelehrt. Der Name rührt vom "Golfkriegs-Syndrom" her: eine Mixtur aus vielerlei Krankheitssymptomen. Jahrelang und mit großem Aufwand wurde in den USA nach den Ursachen gesucht. Außer Uranmunition kamen infrage: Pestizide, Insektensprays, Saddams Chemiewaffen, brennende Ölfelder, Stress, Impfungen. Nur eine dieser Hypothesen konnte bisher nicht entkräftet werden: die Verabreichung eines Medikaments gegen Nervengas. Im Irak wohlgemerkt, nicht im Kosovo. Bisher gibt es auch kein Balkan-Syndrom, und wenn dieser Begriff noch so oft wiederholt wird. Es könnte freilich demnächst auftreten, keine Frage, denn im Einsatzort wirken viele Gesundheitsgefahren, auch seelische. Einige Nato-Soldaten sind an Leukämie erkrankt, also an Blutkrebs. Eine grässliche Krankheit, deren Erwähnung bereits Angst einjagt. Doch wer sagt ihren Kameraden, die sich nun vor Leukämie fürchten, die Wahrheit? Wo lesen sie, wie viele Leukämiefälle statistisch normal sind? Oder dass die bisherigen Studien über den Uranbergbau, dessen Arbeiter ganz anderen Belastungen ausgesetzt sind, keinen Hinweis auf Leukämie brachten? Auf Lungenkrebs, das schon, aber der dürfte mit den besonderen Umständen im Bergbau zu tun haben. Und von wem erfahren sie, dass die radioaktiven Dosen aus verschossener Munition ein Nullum sind verglichen mit der Strahlenlast des Rauchens, eines Urlaubs im Schwarzwald oder eines Interkontinentalflugs? Von ihren Politikern jedenfalls nicht. Ob in Italien, Portugal oder Deutschland: es stehen Wahlen an. Da mag niemand als Abwiegler dastehen, zu nahe liegt der (irrige) Analogieschluss aus der BSE-Krise. Also gilt die Parole: Panik et Circenses. Zumal es jemanden gibt, gegenüber dem sie den starken Mann markieren können - die Amerikaner. Die haben zurzeit ja noch nicht einmal einen richtigen Präsidenten; die Katze ist fort, die europäischen Mäuse tanzen auf dem Tisch.

Die Tatsache, daß Leukämiefälle statistisch normal sind, heißt noch lange nicht, daß man sich mit deren Zunahme abzufinden hat. Auch die als "natürlich" bezeichnete Hintergrundstrahlung, die zu etwa einem Drittel durch von Menschen freigesetzte Strahlenquellen verursacht ist, ist niemals ungefährlich gewesen. Etliche Leukämiefälle sind auf diese Hintergrundstrahlung zurückzuführen. Deren Zunahme jedoch nicht. Das Problem liegt darin, bestimmte Leukämietodesfälle einer bestimmten Strahlenquelle zuzuordnen. Als in der Elbmarsch in der Umgebung des Reaktors Krümmel Kinder starben, wurde "wissenschaftlich bewiesen", daß die radioaktive Belastung des Staubes auf den Dachböden von Geesthacht auf die überirdischen Atomwaffentests zurückzuführen seien und nicht auf den Betrieb des Atomreaktors.

Daß das Rauchen in Sachen Lungenkrebs an erster Stelle kommt, ist bereits oben erwähnt. Radon kommt an zweiter Stelle und die Uranmunition hat einen Anteil, der nach Fetter und von Hippel halb so groß ist wie der von Radon. Aber rechtfertigt die Tatsache, daß Menschen rauchen, den Einsatz von Urangeschossen? Der Anteil von Rauchern ist unter Soldaten größer als unter Kriegsdienstverweigereren. Soll es deshalb erlaubt sein, sie einer zusätzlichen Gefahr auszusetzen?

Die ortsansässige Bevölkerung im Schwarzwald hat tatsächlich ein höheres Erkrankungsrisiko. Urlauber, die sich dort nur kurzfristig aufhalten nicht. Im Interkontinentalflugzeug hält man sich gewöhnlich nur wenige Stunden auf. Für Piloten und Stewardessen gibt es maximale Flugzeiten (pro Jahr und pro Berufsleben), schwangere Stewardessen und Pilotinnen bleiben am Boden! Meint Gero von Randow, nur weil es Regionen gibt, die ohnehin schon belastet sind, deshalb sei es gerechtfertigt, eine bislang geringer belastete Region durch Urangeschosse so zu belasten, daß das Erkrankungsrisiko auf das höhere Maß des Schwarzwaldes ansteigt?

Die meisten europäischen Verbündeten der Vereinigten Staaten fordern mittlerweile von ihrem einigermaßen verdutzten Partner, auf DU-Munition zu verzichten, wenigstens vorläufig. Der deutsche Kanzler gehört sogar zu den Wortführern, unterdessen aus dem Bundestag noch ganz andere Töne zu hören sind: Von "Kriegsverbrechen" spricht Margot von Renesse (SPD) und bringt den Internationalen Gerichtshof ins Spiel - solche Töne kannte man bisher nur aus dem privaten Staatsrundfunk des Slobodan Milosevic oder den Fernsehansprachen Saddam Husseins, die stets behauptet hatten, die USA würden ihre Herrschaftsgebiete radioaktiv verseuchen. Jahrelang hatten sie diese Propaganda über das Internet und auf Konferenzen verbreitet, weitgehend ohne Erfolg.

Der Verzicht von Uranmunition ist zwingend notwendig. Der Einsatz der Uranmunition erfüllt den Tatbestand eines Kriegsverbrechens. Dieses geht aus Stellungnahmen von zahlreichen Juristen hervor, stellvertretend hier Hans-Joachim Heintze: Artikel 23 a der Haager Landkriegsordnung (LKO) vom 18. November 1907 verbietet die Verwendung von Gift und vergifteten Waffen, woran die USA gebunden sind. Es handelt sich bei diesem Verbot nicht nur um die älteste Einschränkung hinsichtlich der Kampfmittel, die entsprechende Regel der LKO trägt unstrittig auch gewohnheitsrechtlichen Charakter. Dieses Verbot gilt im Übrigen gemäß Artikel 54, Zusatzprotokoll I (ZP I) der Genfer Konvention, auch für die Vergiftung von Nahrungsmitteln.

Vom ehemaligen amerikanischen Justizminister Ramsay Clark gibt es ähnliche Aussagen. Es ist also nicht nur eine SPD-Abgeordnete, Slobodan Milosevic oder Saddam Hussein. Im übrigen wäre eine Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, unabhängig davon, von wem sie kommt. Und da ist es unbestritten wahr, daß die USA Teile ihres Herrschaftsgebietes radioaktiv verseucht hat. Die USA ist für weit mehr als die Hälfte aller überirdischen Atomwaffenteste verantwortlich. Insbesondere "Indianerland" ist seitdem unbewohnbar. Die "zivile" Nutzung der Atomenergie führte zur Verseuchung des Three-Mile-Island. Und auch das pazifische Bikini-Atoll ist Herrschaftsgebiet der USA. Saddam Hussein hat hier ausnahmsweise einmal recht und er selbst hat sein Land nicht radioaktiv verseucht. Allerdings hat er sein Land chemisch verseucht, in dem er Giftgas gegen die kurdische Bevölkerung im eigenen Land einsetzte. Nach Angaben der antiirakischen Allianz im Golfkrieg und auch der USA hat er dort kein Giftgas einsetzen lassen. "Saddams Chemiewaffen" sind ursächlich für den Tod Tausender Kurden, sie können jedoch nicht ursächlich für das Golfkriegssyndrom sein

Nun ist die Lage eine andere. Sie erlaubt es offenbar einigen, ihr schlechtes Gewissen loszuwerden: Ehemalige Friedenskämpfer, die dem Kosovo-Krieg zugestimmt hatten und jetzt ein entschlossenes "so nicht!" gen Washington schmettern. Während Scharping in den ersten Tagen der Uranhysterie noch Schwierigkeiten hatte, den Mund aufzumachen, verlangte die grüne Bundestagsfraktion bereits die "internationale Ächtung der Uranmunition" - Frieden schaffen mit sauberen Waffen.

Die Forderung lautet immer noch "Frieden schaffen ohne Waffen". "Saubere Waffen" ist eine Utopie ewiggestriger Militärs. Es spricht allerdings nichts dagegen, mit der Ächtung besonders schmutziger Waffen zu beginnen. Wenn die "ehemaligen Friedenskämpfer, die dem Kosovo-Krieg zugestimmt hatten" jetzt einsehen, was sie angerichtet haben, ist späte Einsicht immer noch besser als "Augen zu und durch".

Dabei wäre von Scharping durchaus etwas zu fordern, von ihm und den anderen Verteidigungsministern der Nato: eine statistische Studie, um herauszufinden, ob die Balkan-Einsätze eine besondere Leukämiegefahr mit sich bringen - nicht wegen der Munition, sondern zum Beispiel wegen der Risikofaktoren Benzol (im Treibstoff und hydraulischen sowie Schmierflüssigkeiten) und Viren. Dafür müssten das Alter der Soldaten, ihr Risikoverhalten (Rauchen!) und etliche Daten mehr erhoben werden, sagt Maria Blettner, die Vorsitzende der Strahlenschutzkommission. Daraus ließe sich die Zahl der zu erwartenden Leukämiefälle ermitteln. Anschließend müssten die diagnostizierten Leukämien gezählt und bewertet werden - dann erst weiß man, ob es überhaupt eine Häufung gibt, die weitere Studien erfordert. Wieso setzt sich kein Politiker dafür ein? Weil es Dringlicheres gibt. Gerhard Schröder muss sein abrutschendes Kabinett in den Griff kriegen, die Nato-Europäer müssen aufpassen, dass das Bündnis nicht noch mehr Risse bekommt. Das Uran hat einiges durcheinander gebracht. Was sich durchaus anders ausdrücken ließe: Slobodan Milosevic und Saddam Hussein haben eine Propagandaschlacht gewonnen.

Die Forderung nach einer empirischen Studie ist richtig. Nur Scharping ist der falsche Adressat. Von ihm gibt es eine Aussage, die beweist das er dafür der falsche Mann ist: "In der Bundeswehr ist - genauso wie bei Polizei, Gerichten, Journalisten, Politikern - die Häufigkeit bestimmter Erkrankungen völlig gleich ist… Ich rede nicht von der statistischen Verteilung. Ich rede davon, ich zunächst einmal kucken muss, ob es in der Bundeswehr eine auffällige Häufung von Erkrankungen gibt. Dann kann ich prüfen, ob diese auffällige Häufung von Erkrankungen - die es nicht gibt - in irgendeinem Zusammenhang mit dem Einsatz steht. Und da kann ich nur sagen, erkennbar nicht. Alle Informationen, die ich auf den Tisch bekomme, signalisieren, es gibt keinen Zusammenhang zwischen einer aufgetretenen Leukämie, Krebs oder anderen Erkrankung und einem Einsatz im Balkan.

Die Aussage von Minister Scharping besagt nur, daß er von Epidemiologie keine Ahnung hat. Soldaten sind männlich, überwiegend jung, gesund (bei der Musterung werden kranke vorher aussortiert). Bei Polizei, Gerichten, Journalisten und Politikern ist der Anteil der Frauen größer. Das Alter ist deutlich höher. Damit ist der Gesundheitszustand häufig schlechter. Körperlich Kranke werden nicht aussortiert. Da dieses keine Berufe sind, die körperlich so viel abverlangen, werden diese Berufe überzufällig häufig von Personen mit schwächlicher Konstitution gewählt, etwa im Gegensatz zu Bauarbeitern, Landwirtschaft und Seefahrt. Für Leukämieerkrankungen spielt die körperliche Konstitution eine entscheidende Rolle. Es erkranken alte Menschen, immungeschwächte, Kinder. Jedenfalls nicht junge, gesunde Männer. Sollten also tatsächlich die Leukämierate auf dem Niveau der Durchschnittsbevölkerung liegen oder gar auf dem altersbedingt durchschnittlich höheren Niveau von Richtern, Journalisten, Politikern, so ist das ein sehr bedenklicher Befund. Die Vergleichsgruppe müßte ebenfalls aus jungen, gesunden Männern bestehen, etwa Zivildienstleistende, die zuvor nach den gleichen Kriterien tauglich gemustert wurden. Natürlich ist es notwendig, auch andere Risikofaktoren miteinzubeziehen. Wenn es stimmt, daß Soldaten dem krebserregnden Benzol ausgesetzt werden: warum wird das nicht unverzüglich abgestellt?

Scharping zeigt seine Voreingenommenheit im besagten Interview. Wenn er eine Studie durchführen läßt, steht das Ergebnis von vornerherein fest. Und es gibt zahlreiche Belege aus anderen Studien, wie durch weglassen gefälscht wird:

z.B. Strahlenbelastung: sie wurde gemessen und angegeben aus 1 m Entfernung.

Wenn man weiß, daß Uran 238 ein Alpha-Strahler ist und weiß, daß Alpha-Strahlung in Festkörpern und im Körpergewebe etwa 1 mm Reichweite hat und in Luft oder Dampf (Wilsonsche Nebelkammer) maximal 7 cm, dann ist von vornherein klar, daß man nichts bedenkliches messen wird!

z.B.: Stoffwechsel: die Einlagerung des schwer wasserlöslichen Urans in Knochen wird nicht erwähnt und wohl auch nicht untersucht. In anderen Studien maß man die Uranausscheidung im Urin. Weil nur schwer wasserlöslich, wird man eine vermehrte Ausscheidung dort am wenigsten erwarten. Originalton Scharping:

Frage (Ruprecht Eser): Sachlich belastbar bleibt Ihre Äußerung, dass das Strahlenrisiko für den Soldaten auf dem Balkan vernachlässigbar ist?

Antwort: Das sagen mir alle Mediziner, alle Wissenschaftler, die wir damit beschäftigt haben. Und das ist ein rundes Dutzend In dieser Untersuchung, Soldaten, die im Kosovo eingesetzt waren - in der Nähe der möglicherweise kontaminierten Gebiete -, Kontrollgruppe in der Zivilbevölkerung, Kontrollgruppe bei anderen Soldaten: Es ist keine Abweichung feststellbar, mit einer einzigen Ausnahme. Es gibt einen Menschen, der hat einen etwas erhöhten Wert aufgewiesen, unkritisch, aber etwas erhöht, und das ist aufgeklärt worden: Der hat jeden Tag drei Liter Mineralwasser getrunken"

Was soll das? Scharping versucht uns also weiszumachen, daß das Mineralwasser die Ursache für die Uranausscheidung ist. Gibt es eine Uranbelastung im Mineralwasser?

Logisch und wahrscheinlich ist folgender ursächlicher Zusammenhang: Wir haben gelernt, daß Uranoxid als Staub inhaliert wird. Es wird vor allem in den Knochen abgelagert. Es ist sehr schwer wasserlöslich. Aufgrund der nahezu Unlöslichkeit in Körperflüssigkeiten kommt Uran im Urin nicht in großen Mengen vor.

Die Ausscheidung liegt in der Größenordnung Nanogramm/ml, die Urankonzentration im Urin liegt bei etwa 1 : 1 Milliarde . Was hat der Soldat gemacht, der so viel Wasser trank? Er hat seinen Körper kräftig durchgespült. Somit ist es möglich, daß auch bei einer sehr schlechten Löslichkeit des in den Körperknochen eingebauten Uranoxids geringe Mengen wieder ausgeschwemmt und in den Urin gelangen. Mediziner nennen das "forcierte Diurese" und das ist eine allgemein übliche Erste-Hilfe-Maßnahme bei Vergiftungen: riesige Trinkmenge, eventuell kombiniert mit diuretisch wirksamer Medizin.

z.B.: Krebsrisiko: In diesem Artikel von von Randow und dessen Quellen wird sich auf Lungenkrebs konzentriert, Für Blutkrebs fanden sich keine Angaben und auch auf Knochenkrebs wurde offensichtlich gar nicht erst untersucht.

Scharping hat ja offensichtlich selbst eingesehen, daß er der falsche Mann ist für eine solche Untersuchung. Er hat für die Untersuchung der Urangeschosse einen Sonderbeauftragten eingestellt auf den er sich verlassen kann: Theo Sommer. Und hier wird deutlich, wie es mit der Unabhängigkeit des "Wissenschaftsjournalisten" Gero von Randow bestellt ist.

Laut Impressum der "Zeit" ist Theo Sommer Mitglied im Beirat. Gero von Randow ist Redakteur, der in der "Zeit" veröffentlicht. So ist anzunehmen, daß die Veröffentlichung von Gero von Randows Beitrag in der "Zeit" in Abstimmung und nicht zufällig erfolgte. Theo Sommer erweist sich als zuverlässig im Sinne seines Auftraggebers Scharping, "Die Zeit" outet sich als Regierungssprachrohr, und der Redakteur, Gero von Randow, betreibt gegenüber der Konkurrenz Journalistenschelte.

 

 

Ab wann war die Gefahr durch DU bekannt?

 

Forschungsarbeiten von Prof. Günther im Irak erste Hälfte der 90er Jahre Veröffentlichungen hier etwa ab 1995

Die US-Regierung hat 1998 selbst ins Internet gestellt, daß DU Krebs erzeugt, trotzdem hatte sie es gegen Jugoslawien und im Kosovo eingesetzt.

 

Anfrage in Bundestag:

Auf eine Anfrage eines SPD-Abgeordneten hatte 1995 das damalige CDU-geführte Verteidigungsministerium geantwortet: «Nach Erkenntnissen der Bundesregierung haben die in Deutschland stationierten US-Streitkräfte DU-Munition im Bestand. Ein Verschuss zu Übungszwecken ist in Deutschland mangels geeigneter Übungseinrichtungen nicht möglich und daher untersagt.»

(Ist aber trotzdem wohl geschehen)

Wenn es keine Gesundheitsgefährdung geben würde hätte man bedenkenlos antworten können:

Ein Verschuß zu Übungszwecken kann auf jedem Schießplatz durchgeführt werden.

 

Bitte bei allen Veröffentlichungen hinweisen für die, die weitere Informationen wollen:

http://www.uranmunition.de

 

 

 

 

Dr. med. Ralf Cüppers

Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, Postfach 1426, 24904 Flensburg

für Rückfragen:

Tel. und Fax: 0045 7446 7494

email: flensburg@bundeswehrabschaffen.de

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Zuletzt geändert: 09.07.2006