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Uranmunition

03.01.2001

Rom missioniert in Uranistan
Italiens Verteidigungsminister will in Bosnien und Kosovo Folgen der DU-Munition untersuchen lassen
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Rom schickt seine Missionare des Todes auf den Balkan. So könnte man
die Reise des italienischen Verteidigungsministers Sergio Mattarella
am morgigen Donnerstag nach Sarajevo nennen. Sein Staatssekretär
fliegt zur selben Zeit in die Kosovo-Provinzhauptstadt Pristina. Vor
Ort wollen sich die beiden mit den Folgen von abgereichertem Uran in
NATO- Munition beschäftigen. In den vergangenen Wochen wurden mehrere
Todesfälle italienischer Soldaten bekannt, die in Bosnien-Herzegowina
Dienst getan hatten und in der Folge an Leukämie oder Tumoren erkrankt
waren. Der Verdacht kam auf, daß die Krebserkrankungen dieser Soldaten
in irgendeiner Weise mit der sogenannten DU-Munition in Verbindung
stehen. Die NATO hatte eingeräumt, zwischen 1994 und 1995 in
Bosnien-Herzegowina mehr als 10 000 Uran-gehärtete Projektile
verschossen zu haben.

Zum Jahresende war ein weiterer Todesfall bekannt geworden, der für
einen Zusammenhang zwischen Krebserkrankung und hochtoxischer
NATO-Munition spricht. Rinaldo Colombo war Carabiniere und 1995 einer
der ersten italienischen Militärs, die nach Bosnien entsandt wurden.
Zwei Jahre später, schon wieder in der Heimat, klagte er über starkes
Fieber, Übelkeit und Migräne. Weitere zwei Jahre sowie zahllose
Untersuchungen später wurde der 31jährige Anfang September vergangenen
Jahres ins Krankenhaus eingeliefert. Am 8. November verstarb er an
Leukämie, berichtete in der vergangenen Woche die italienische
Tageszeitung La Repubblica. Die Meldung über den Tod des jungen
Italieners gelangte nur dank einer Meldung im Giornale dei carabinieri
in die Öffentlichkeit. Die Vereinszeitung der Carabinieri will nun
alle Informationen zum Todesfall Colombo zusammentragen. »Wir müssen
prüfen, ob es, wie vermutet, einen Zusammenhang gibt mit der Munition
mit abgereichertem Uran«, so Vereinssekretär Ernesto Pallotta. »Ein
erster Carabiniere ist tot, aber weitere vier, die jüngst nach Italien
zurückgekehrt sind, könnten auch kontaminiert sein.« Die Betreffenden
stehen derzeit unter Beobachtung.

In die Medien kam nun auch der Fall des Soldaten Corrado Di Giacobbe
(24), der in Bosnien im Einsatz war und nach seiner Rückkehr 1998
entdeckte, an einer besonderen Tumorart (Hodgkin) erkrankt zu sein.
Der Soldat war in derselben Kaserne in Sarajevo stationiert, in der
auch einer der bereits an Leukämie verstorbenen Soldaten Dienst getan
hatte. Di Giacobbe hat bereits mehrere Chemo- und Strahlentherapien
hinter sich sowie eine Knochenmarktransplantation.

»La Repubblica« zitiert den Carabinieri nahestehende Quellen, wonach
bereits 20 weitere Männer unter Beobachtung stünden, allerdings nicht
bei den eigentlich zuständigen Militärbehörden. Jeder Carabiniere, der
vom Auslandseinsatz nach Italien zurückkehrt, muß sich einer Reihe
medizinischer Untersuchungen in einem Militärkrankenhaus unterziehen.
Die 20 angesprochenen Carabinieri haben es aber vorgezogen, sich in
anderen Hospitälern untersuchen zu lassen. »Man hat uns aufgetragen,
einen Fragebogen auszufüllen«, zitiert die Zeitung einen von ihnen.
»Wenn wir bei unserer Rückkehr keine Symptome plötzlichen Unwohlseins
aufwiesen, schickten sie uns nach Hause, ohne auch nur eine
Untersuchung vorzunehmen. Deshalb haben wir es vorgezogen, uns selbst
behandeln zu lassen. Eins ist sicher: Als wir in Bosnien waren, hat
uns niemand über die Risiken, die wir eingingen, informiert.« Der
ehemalige Generalbefehlshaber der Carabinieri, Luigi Federici, unter
dessen Kommando die Soldaten nach Bosnien-Herzegowina Mitte der 90er
Jahre entsandt wurden, streitet ab, von den Risiken des Einsatzes
gewußt zu haben.

Cyrus Salimi-Asl

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Zuletzt geändert: 09.07.2006