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Uranmunition

Überarbeitete US-Nuklearstrategie und chinesische Atomrüstung

(von Rainer Rupp)

 

Letzte Woche legte die US-Regierung zwei wichtige Berichte vor, die vor lauter Kriegsgetöse in Afghanistan und Warnungen vor neuen Kriegen von der breiten Öffentlichkeit so gut wie überhaupt nicht wahrgenommen wurden. Der erste ist das seit 1994 zum ersten Mal überarbeitete Grundsatzdokument der Vereinigten Staaten zur militärischen Nuklearstrategie, die sogenannte „Nuclear Posture Review“ und als zweites die neue Studie der CIA mit dem etwas umständlichen Titel: „Entwicklungen ballistische Raketen in fremden Staaten und die daraus erstehende Bedrohung im Zeitraum bis zum Jahr 2015“, die alljährlich dem Geheimdienstausschuß des US-Kongresses vorgelegt werden muß. Eine deklassifizierte Version dieses Berichtes wurde letzten Mittwoch auch der Öffentlichkeit vorgestellt.

 

In der Vergangenheit wurden die in diesen Berichten enthaltenen Lageeinschätzungen dazu benutzt, um unter Verweis auf die beiden „Schurkenstaaten“ Nordkorea und Iran die amerikanischen Pläne zum Aufbau eines zig-Milliarden teuren Abwehrschildes gegen Interkontinentalraketen im Weltraum zu rechtfertigen. Soweit gab es auch diesmal nichts neues in der CIA-Studie. Ganz anders war es dagegen mit der Behauptung der amerikanischen Geheimdienstler, daß die Volksrepublik China ihr Arsenal mit strategischen Interkontinentalraketen, die auf die USA gerichtet sind, bis zum Jahr 2015 vervierfachen wird. Dies allein war für die Amerikaner zwar noch kein Grund zur Sorge, denn trotz der hohen Wachstumsrate würde die Gesamtzahl des chinesischen Abschreckungspotentials lediglich auf 75 bis 100 Raketen ansteigen; im Vergleich zu den USA und Russland aber oder Frankreich und Großbritannien immer noch recht bescheiden.

 

Sorgen macht den Amerikanern zwei neue Entwicklungen. Erstens will Peking offensichtlich sein Abschreckungspotential besser vor feindlichen Überraschungsschlägen schützen und in Zukunft auf mobilen Abschußrampen stationieren. Und zweitens sollen die Chinesen in absehbarer Zeit die MIRV-Technologie beherrschen, die zur Überwindung des geplanten US-Raketenabwehrschildes besonders gut geeignet ist.

 

Unter der MIRV-Technologie versteht man die Fähigkeit, eine Interkontinentalrakete mit mehreren Atomsprengköpfen abzuschießen, die während des Fluges im All weit vor dem Ziel die einzelnen Sprengköpfe abgestößt, die dann unabhängig voneinander verschiedene, auch weit von einander entfernte Ziele ansteuern können. Wegen ihrer besonderen Gefährlichkeit und destabilisierenden Wirkung hatten die USA in den Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion erfolgreich darauf gedrängt, daß die MIRV-Raketen aus dem sowjetischen Abschreckungsarsenal verschwunden sind. Allerdings hat Moskau kürzlich angedeutet, daß man als mögliche Gegenmaßnahme zur Überwindung des geplanten amerikanischen Raketenabwehrschildes sich vorbehalte, , in Zukunft Raketen wieder mit MIRV-Sprengköpfen auszurüsten, um so das russische Abschreckungspotentials aufrecht zu erhalten.

 

In Bezug auf die überarbeitete militärische Nuklearstrategie der USA, so haben die internationalen Nachrichtenagenturen vorschnell berichtet, daß Washington nicht daran denke, das Moratorium für Atomwaffentests in Frage zu stellen. Statt dessen wird in der „Nuclear Posture Review“ zwar vordergründig empfohlen, das Moratorium vorerst beizubehalten, zugleich aber heißt es, daß die USA darauf vorbereitet sein müssten, jeder Zeit wieder mit den Tests zu beginnen und nicht erst nach zwei Jahren nach Aufhebung des Moratoriums, wie es bisher geplant war. Im Klartext bedeutet das, daß die Bush-Regierung beabsichtigt, alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen, um sofort nach Beendigung des Moratoriums die Versuch unverzüglich wieder aufzunehmen. Zur Erinnerung: bei der Abstimmung über die Ratifizierung des nuklearen Teststoppvertrags am 13 Oktober 1999 war im US-Senat die erforderliche Mehrheit nicht zustande gekommen. Darauf hatte die Regierung Clinton auf unbestimmte Zeit ein Moratorium verfügt.

 

Der Öffentlichkeit soll die mögliche Wiederaufnahme amerikanischer Atomwaffentests mit abrüstungspolitischen Sachzwängen schmackhaft gemacht werden, die sich aus der im Review Dokument beabsichtigten Reduzierung des strategischen Atomarsenals der USA von derzeit rund 7.000 auf 1.700 bis 2.200 Waffen ergäbe. Um das Funktionieren der restlichen Atomwaffen zu gewährleisten, - so hohe Beamte des Pentagon vor der Presse - würde deren Tests an zusätzlicher Bedeutung gewinnen. Das eigentliche Problem aber liegt nicht beim Test der strategischen Atomsprengköpfe sondern bei der von den USA mit Nachdruck entwickelten atomaren Minibombe. Und ohne neue Tests wird auf diese kein Verlaß sein.

 

Vor zwei Jahren hatte Stephen Younger, der beisitzende Direktor der weltbekannten US-Atomwaffenschmiede Los Alamos National Laboratory und Chef der dortigen Nuklearwaffenabteilung sich für eine Entwicklung eingesetzt, die weg von großen und hin zu kleinen Atomwaffen führt. Die flächendeckende Sprengkraft der als "City-Busters" – als "Städtezerstörer" - bekannten strategischen Atombomben sei heute nicht mehr nötig, denn durch punktgenaue Navigation könnte eine Rakete mit einem viel kleineren nuklearen oder gar mit einem konventionellen Sprengkopf dieselbe Aufgabe erledigen, nämlich gegnerische Raketensilos oder unterirdische Kommando- und Kommunikationszentralen in die Luft zu jagen, erklärte damals Stephen Younger, der sich denn auch konsequent für die Entwicklung kleiner, d.h. „einsetzbarer“ Nuklearwaffen stark machte, „um tief in den Fels eingegrabene, gegnerische Bunkern zu zerstören“. (1)

 

Auch andere, in der Vergangenheit den Atomwaffen zugewiesenen Aufgaben (z.B. die Vernichtung von großflächigen Aufmärschen von Panzerverbänden) kann heute zunehmend durch sogenannte „Smart Bombs“ oder „Intelligente Waffensystem“ übernommen werden, die entweder von hochempfindlichen Sensoren gesteuert, eigenständig ihr Ziel finden oder über immer genauer arbeitende und auch bei jedem Wetter arbeitende globale Positionierungssysteme (GPS) ins Ziel gesteuert werden. Wie sich bereits bei der US-Kriegsführung gegen Saddam Hussein vor zehn Jahren abzeichnete, können die sogenannte „intelligente Waffensystem“ bei der Vernichtung konzentrierter Großverbände in der Tat die bisher den Atomwaffen zugedachten Aufgabe mit Erfolg übernehmen. Genau diese Entwicklung wird in der neuen Nuclear Posture Review von Washington als einer der Gründe für die vorgeschlagene Reduzierung der Atomwaffen vorgetragen.

 

Trotz aller Fortschritte auf dem Gebiet der Präzisionswaffen, ist es jedoch nach wie vor nicht möglich, ohne Atomwaffeneinsatz gut befestigte, unterirdische Bunkerkomplexe zu zerstören. Um die Atomwaffen jedoch „einsetzbare“(2) zu machen, sollen die zu diesem Zweck vorgesehenen, schweren Nuklearwaffen, die außer der Bunkeranlagen auch im weiten Umkreis alles Leben zerstören, durch kleine Atomwaffen ersetzt werden. Bereits vor Jahren hat daher der amerikanische Kongreß die Pläne der US-Regierung zur Miniaturisierung der Atomwaffen und zur Entwicklung einer "Deep Penetration" Bombe abgesegnet hat. Das Ziel ist - in den Worten eines Pentagon Beamten – „Saddam Husseins Bunker auszuheben ohne dabei ganz Bagdad anzuzünden."(3) Aber ohne unterirdische Versuche werden sich die USA auf diese neuen Waffen nie verlassen können. Und hier liegt der eigentliche Grund, warum das Pentagon wieder verstärkt mit der Wiederaufnahme der Atomwaffentests liebäugelt.

 

Während diese Zusammenhänge in der öffentlichen Diskussion um die Nuclear Posture Review außen vor blieben, zeigten US-Kongressmitglieder jedoch ihre Verwunderung darüber, daß die Bush-Regierung nicht daran denkt, die Atomsprengköpfe von den auszumusterten Interkontinentalraketen zu zerstören. Statt dessen sollen etwa 5.000 Sprengköpfe der waffentauglich, d.h. zur möglichen späteren Verwendung eingelagert werden. Moskau hat diese Pläne bereits heftig kritisiert und sie dürfen für den Kreml kaum ein Anreiz sein, sein eigenes Arsenal von etwa 6.000 strategischen Systeme um zwei Drittel zu reduzieren und unbrauchbar zu machen.

 

Sowohl die Aufrüstungspläne Chinas als auch die angekündigten Reaktion Russland bestätigen die Befürchtungen, daß die sogenannten Raketenabwehrpläne der USA äußerst destabilisierend wirken und weltweit einen neuen Rüstungswettlauf einleiten.

 

Sbg., den 14.1.02

 

1) ("Conventional Bombs might do", Washington Post vom 25. 10 00). 

2) ("Passage of "Mini-Nuke" Provision could lead to the Development of New Nuclear Weapons and the Resumption of Nuclear Testing WORLD POLICY INSTITUTE New York, October 10th 00)

3) ("Senat Backs Pentagon Study Into Low-Yield Nuclear Bomb", By Walter Pincus, Washington Post Service, Reprinted in IHT, 13.6.200)

4) (“CIA: China Expected to Target U.S.”, By John J. Lumpkin Associated Press Writer, Wednesday, January 9, 2002; 6:49 PM)

 

 

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Zuletzt geändert: 08.06.2014