Uranmunition
Führt DU-Thema bei
Verteidigungsminister zur fortschreitender Demenz?
(von Rainer Rupp)
Um von seinem eigenen Versagen abzulenken hatte Rudolf Scharping
wegen der angeblich unzureichenden US-Informationspolitik über die von
DU-Munition ausgehenden Gefahren zum ersten Mal in der Geschichte der
Bundesrepublik den US-Botschafter einbestellt. Flugs sorgte sich der
CDU-"Verteidigungsexperte" Paul Breuer in der Tageszeitung «Die Welt»,
daß diese Brüskierung des großen transatlantischen Bruders «einen nicht
abzuschätzenden Flurschaden im deutsch-amerikanischen Verhältnis verursacht»
hat. ("CDU kritisiert Scharping wegen Umganges mit den USA", Berlin,
dpa, 22.1.01
Diese Sorge schien auch die EU-Außenminister zu beschäftigen, die sich Anfang
der Woche bei einem Treffen in Brüssel mit der hochgiftigen amerikanischen
Uran-Munition beschäftigten. Während Joschka Fischer für die Kulisse zu
Hause noch eilfertig eine «volle Aufklärung der Fakten» forderte, tat er
praktisch alles, um die DU-Affaire auch auf EU-Ebene zu vertuschen.
Zugleich schob er die Verantwortung möglichst weit von sich weg, denn nun seien
"vor allem die Militärs und die NATO gefordert".
Folglich ist es seltsam still um die insbesondere von italienischer, belgischer
und portugiesischer Seite geforderte unabhängige EU-Untersuchung über die Gefährlichkeit
der amerikanischen, mit Plutonium verunreinigten Uran-Munition geworden.
Auch hier hat sich Joschka Fischer für seine amerikanischen Freunde bei seinen
EU-KollegInnen ins Zeug gelegt. Obwohl der portugiesische Premier Minister
noch kurz zuvor öffentlich erklärt hatte, dass er den Verlautbarungen der NATO
nicht mehr vertrauen könnte, war nach dem Treffen der EU-Außenminister von
einer unabhängige EU-Untersuchung keine Rede mehr. Statt dessen erklärte
die schwedische Außenministerin und amtierende EU-Ratspräsidentin Anna Lindh,
die Verantwortung für eine DU-Untersuchung liege vor allem bei der NATO.
(EU-Länder überlassen NATO Nachforschungen zu Uran-Munition", Brüssel,
dpa 22.1.01)
Indem die NATO sich nun selbst untersuchen soll, macht die EU den NATO-Bock zum
Gärtner. Daß es bei dem plötzlichen Sinneswandel der EU-Minister
allerdings darum ging, einen möglicherweise folgenschweren DU-Streit zwischen
der EU und den USA abzuwenden, ließ der zunehmend angeschlagene Bundesaußenminister
Joschka Fischer in seiner Stellungnahme zum Ende des Ministertreffens in Brüssel
erkennen, als er erleichtert verkündete, dass es beim DU-Thema nicht zu einer
Verstimmung mit den USA gekommen sei. ("Fischer fordert Aufklärung bei
Uran-Munition Brüssel", dpa 22.1.01)
Allerdings deutet vieles darauf hin, dass schon allein der intensive Umgang mit
dem Thema DU-Munition bereits zu rasch fortschreitender Demenz führen kann.
Nach einer Meldung von DPA hat Verteidigungsminister Rudolf Scharping dem
Verteidigungsausschuss des Bundestages angeboten, zur gemeinsamen Sitzung am
Mittwoch abgereicherte Uran-Munition aus dem Kosovo mitzubringen, um anhand
eines Versuches dem Ausschuss die Harmlosigkeit von abgereichertem Uran zu
demonstrieren. ("Scharping bietet Uran-Versuch an", Berlin, dpa,
22.1.01)
Bei soviel offensichtlichem Unvermögen hat als erste Bundespolitikerin die
PDS-Vorsitzende Gabi Zimmer den Rücktritt von Rudolf Scharping gefordert. «Das
Maß ist voll», sagte Zimmer anlässlich des Neujahrsempfangs der Partei in
Berlin am Montag. Scharping sei wegen seines Verhaltens in der Debatte über mögliche
Gefahren durch Uran-Munition nicht mehr tragbar. ("PDS-Chefin fordert Rücktritt
von Scharping", Berlin dpa, 22.1.01)
Auch in der FDP werden jetzt Rücktrittforderungen gegen Scharping laut.
Und selbst in seinen eigenen Reihen verliert der "Held und Retter des
Kosovo", der schneller redet als er denkt, den gewohnten Rückhalt.
Zur Zeit schießen sich die Parteien auf die Frage ein, ob Scharping seiner Fürsorgepflicht
für die Soldaten im Kosovo nachgekommen ist und rechtzeitig für entsprechende
Schutzmaßnahmen gesorgt hat. Sowohl der Opposition als auch dem
Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses des Bundestages, Helmut Wieczorek
(SPD), liegen mittlerweile zahlreiche Briefe von im Kosovo eingesetzten
Bundeswehrsoldaten vor, die - anders als von Scharping dargestellt - nie, oder
wenn überhaupt, dann nur sehr spät über die Gesundheitsgefahren der
DU-Munition informiert worden sind. Auch Bundeswehrverbandschef Bernhard
Gertz will jede Menge gleichlautender Briefe erhalten haben.
Der z.B. im "Tagesspiegel" zum Wochenende unternommenen Versuche, den
Verteidigungsminister zu retten und die Verantwortung für die Affäre der Militärführung
und insbesondere dem von Scharping geschassten letzten Generalinspekteur
zuzuschieben, entbehren jeder Glaubwürdigkeit und greifen nicht. ("Klärungsbedarf",
von Robert Birnbaum, Tagespiegel, 21.01.01) Vielmehr beklagt angesichts
der widersprüchlichen Informationspolitik Scharpings ein Offizier in seinem
Brief an Wieczorek einen massiven "Vertrauensverlust" bei seinen
Untergebenen. Deshalb kommt Scharping jetzt scheinbar auch in der SPD
unter Druck.
Wieczorek hatte angekündigt, bei der Sitzung des Verteidigungsausschusses am
Mittwoch gezielt auf die Beschwerden der im Kosovo eingesetzten deutschen
Soldaten einzugehen, wodurch er ungewollt das rassistische Element der ganzen
DU-Debatte der etablierten Parteien entlarvt. Über die Kinder, die in
Bosnien, Serbien und im Kosovo an Uran verseuchten Stellen mit verschossener
DU-Munition spielen, regt sich niemand in den etablierten Parteien auf.
Fragen dazu gibt es lediglich von der PDS-Fraktion. Dort setzt man sich
auch weiterhin für einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zu diesem
Thema ein.
Saarburg den 23.01.01.
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