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Uranmunition
Mona Kammas
Umwelt- und Gesundheitsschäden als Folge des Angriffs auf den Irak *)
Irak gehörte zu den ersten Ländern der Region, in denen die
Bedeutung der Umwelt für Gesundheit und Entwicklung der Menschen
erkannt wurde. Die umweltpolitischen Maßnahmen Iraks folgten einem
umfassenden Konzept zum Schutz und zur Verbesserung der Umweltqualität.
Dies lässt sich sehr deutlich an allen Entwicklungsprojekten erkennen,
beispielsweise an den Projekten zur Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung
und Bekämpfung der industriellen Umweltverschmutzung.
Der von den USA geführte Angriff im Jahre 1991 fügte der
Umweltqualität und der Umweltschutzinfrastruktur schwere Schäden
zu. Im weiteren Verlauf wurden diese Schäden nicht behoben, sondern
infolge der gegen Irak verhängten ungerechten UN-Sanktionen sogar
verschlimmert; diese machten die Bemühungen zunichte, die durch den
Angriff bewirkte Verschlechterung der Umweltqualität abzumildern.
Die Sanktionen zielen darauf ab, den gesamten Entwicklungsprozess zu behindern
– und die Umweltprogramme sind, wie bereits gesagt, ein integraler Bestandteil
dieses Prozesses.
Eine Mission des Umweltprogramms der UNO (UNEP), die den Auftrag hatte,
die Auswirkungen des Angriffs auf das irakische Ökosystem einzuschätzen
und ein Programm zur Umweltentlastung vorzulegen, kam unter anderem zu
folgenden Schlüssen:
1. Die Luftangriffe mit ihren Verwüstungen durch Bomben und Granaten
sowie die Raketenangriffe haben die Infrastruktur weitgehend zerstört.
Vollständig zerstört wurden Elektrizitätswerke, Wasserwerke,
Ölraffinerien und Öllager sowie sechs Ölquellen. Eine
unmittelbare
Folge davon war, dass die Bewässerungspumpen nicht mehr betrieben
werden konnten.
2. Giftige Chemikalien gelangten durch die Bombardierung von Industrieanlagen
in den Boden und in fließende Gewässer.
3. Aufgrund der Zerstörung von Düngemittel- und anderen Fabriken
fehlen dem Land wichtige landwirtschaftliche Produktionsmittel. Die Fabriken
konnten nicht wieder funktionstüchtig gemacht werden, da unter den
Bedingungen des Embargos keine Ersatzteile beschafft werden konnten.
4. Sowohl Ackerbau als auch Viehzucht wurden stark geschädigt.
Wichtige Nutzpflanzen wurden von Ungeziefer befallen. Dies führte
zu einem Einbruch in der Nahrungsproduktion, da keine Pestizide beschafft
werden konnten. Die Viehbestände wurden durch schwere Epidemien dezimiert.
Schafherden fielen teilweise übermäßiger Schlachtung zum
Opfer; teilweise flohen die Schafhirten mit ihren Herden in angrenzende
Staaten, um höhere Preise zu erzielen. Weite Teile des Weidelandes
in Irak, besonders in der westlichen Wüstenregion, fallen der Verwüstung
und Erosion anheim.
5. Die Zerstörung der irakischen Infrastruktur hatte schwerwiegende
Konsequenzen für Flora und Fauna sowie die Nahrungskette in der Wüste.
Besonders die Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit des Bodens sind erschreckend.
(…)
Wasserversorgungssystem
Eines der größten Probleme ist die Versorgung mit Trinkwasser.
Der prekäre Zustand aller Wasserversorgungseinrichtungen wurde von
mehreren Missionen der UNO hervorgehoben, die das Land nach dem Krieg besuchten.
Sie stellten fest, dass zahlreiche Wasseraufbereitungsanlagen, Pumpstationen,
Labors und ähnliche Einrichtungen zerstört oder beschädigt
waren, vor allem in den südlichen Regierungsbezirken.
Diese UN-Missionen nannten die Wiederherstellung der Wasserversorgungs-
und Abwasserentsorgungsanlagen als vorrangige Aufgabe der humanitären
Unterstützung. Angesichts des kritischen Zustands der
Versorgungseinrichtungen
und Entsorgungssysteme und des Anstiegs von Infektionskrankheiten, die
durch verseuchtes Trinkwasser übertragen werden, unternahmen die irakischen
Behörden alles in ihrer Macht stehende, um die Einrichtungen wieder
betriebsbereit zu machen. Es ist dem Erfindungsreichtum und Engagement
irakischer Ingenieure zu verdanken, dass es möglich war, die Wasseraufbereitungsanlagen
zu etwa 50 bis 60 Prozent ihrer Vorkriegskapazität wieder nutzbar
zu machen. Ihr Zustand ist jedoch weiterhin gefährdet und verschlechtert
sich zusehends aufgrund der sanktionsbedingten Schwierigkeiten, dringend
benötigte Ersatzteile und Materialien importieren zu können.
Dadurch haben viele Menschen in den ländlichen Gebieten keinen bzw.
unzureichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Situation wird noch
dadurch verschlimmert, dass Reinigungschemikalien nur in sehr begrenztem
Umfang erhältlich sind und die Reinigungsanlagen nur ungenügend
gewartet werden können. Dadurch ist das Wasser in den meisten Regierungsbezirken
und in den ländlichen Gebieten von schlechter Qualität und enthält
Krankheitserreger.
Ein Programm zur Überwachung der Trinkwasserqualität zeigt
deutlich die Verschlechterung der bakteriologischen Qualität in ganz
Irak. Der in den Proben festgestellte Anteil bakteriell verseuchten Trinkwassers
lag in den Regierungsbezirken Thi-Qar, Basra und Najaf beispielsweise
weit über 50 Prozent.
Es gibt nicht genügend Chlor und Aluminiumsulfat. Die Chlor- und
Dosieranlagen, die für die korrekte Dosierung notwendig sind, sind
defekt oder fehlen ganz.
Der Krieg hat die drei Anlagen zur Produktion von Chlor für Trinkwasser
und Abwasserdesinfektion schwer beschädigt. Diese Anlagen konnten
aufgrund fehlender Ersatzteile und Ausrüstungselemente nicht wieder
in ihren ursprünglichen Zustand versetzt werden. Dadurch konnte nicht
mehr genügend Chlor an die Wasseraufbereitungsanlagen geliefert werden,
und die vorhandenen Reserven wurden aufgebraucht. Inzwischen ist der Chlormangel
in den Wasseraufbereitungsanlagen akut geworden. Die von den UN-Programmen
und humanitären Organisationen gelieferte Menge deckt nur einen kleinen
Anteil des für die Trinkwasserdesinfektion Notwendigen ab.
Auch das Abwasserentsorgungssystem erlitt in Bagdad während der
Angriffe schweren Schaden. Teilweise wurden die Anlagen direkt getroffen,
aber meist war die Ursache der Beschädigung die Unterbrechung der
Stromversorgung, die zur Überflutung der Pumpstationen und Kläranlagen
mit Abwasser führte. Hunderte von Elektromotoren wurden aufgrund dieser
Überschwemmungen beschädigt und das System wurde lahmgelegt.
Einige Pumpstationen und Anlagen konnten wieder in Betrieb genommen
werden, sobald die Stromversorgung wieder sichergestellt war. Bis Dezember
1993 konnten jedoch trotz des kreativen und engagierten Einsatzes der Ingenieure
nur etwa 50 Prozent der vor dem Krieg bestehenden Abwasserentsorgungskapazitäten
in der Stadt wiederhergestellt werden.
1993 stellte eine UN-Mission fest, dass alle Abwasserpumpstationen
in einem prekären Zustand sind. Da einige Pumpstationen noch immer
nicht funktionsfähig sind, werden Wohngebiete und Straßen von
Abwasser überflutet. Mehrere Schulen mussten aufgrund der Gesundheitsgefährdung
durch das Abwasser schließen. In einigen Fällen tritt unbehandeltes
Abwasser auch in der Nähe von Trinkwasserreservoirs aus.
Die Situation verschlechtert sich zusehends. Die beiden derzeit in
Betrieb befindlichen Kläranlagen in Bagdad können nur zu etwa
30 Prozent ihrer ursprünglichen Kapazität genutzt werden, so
dass unbehandeltes Abwasser in den Fluss geleitet werden muss. Die Situation
des Abwasserentsorgungssystem in den anderen Regierungsbezirken ist noch
wesentlich schlimmer.
Landwirtschaft und Industrie
Das Fehlen von Saatgut, Düngemitteln, Pestiziden, Tiermedizin,
Bewässerungspumpen, land-wirtschaftlichen Geräten und Ersatzteilen,
Tierfutter usw. infolge der Sanktionen führt unter anderem zu Erkrankungen
der Pflanzen und Tiere, zu einer Zunahme der Nagetierpopulationen und einem
Einbruch in der landwirtschaftlichen Produktion.
Die Bemühungen zur Eindämmung der Wüstenbildung werden
durch die Sanktionen stark behindert. Es fehlt an den nötigen Gerätschaften
und Einrichtungen. Die Programme zur Vergrößerung der landwirtschaftlich
nutzbaren Flächen werden durch das Fehlen der einfachsten Mittel schwer
eingeschränkt.
Die Be- und Entwässerungsprojekte in Irak werden dadurch behindert,
dass es weder neue Pumpen noch Ersatzteile für bereits existierende
Pumpstationen gibt.
Auch für einen Teil der industriell bedingten Umweltbelastung sind
der Krieg und die gegen Irak verhängten UN-Sanktionen mitverantwortlich,
da
¨ Die Umsetzung der geplanten Projekte zur Verringerung der industriell
bedingten Umweltbelastung, wie z.B. Kläranlagen und Abgaskontrollmaßnahmen
gestoppt wurden.
¨ Rohöl anstelle von Paraffin oder Benzin als Hauptenergiequelle
benutzt wird.
¨ Betriebe wegen ungenügender Wartung und Instandhaltung von
Abgas- und Abwasserkontrolleinrichtungen mangelhaft arbeiten.
Programme zur Überwachung der Umweltqualität werden durch
die Sanktionen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Das für die Beobachtung
und Messung umweltbelastender Faktoren verfügbare Instrumentarium
müsste dringend durch Ersatzteile, Betriebsstoffe, Chemikalien, Reagenzien,
Filter u.a. ergänzt werden. Inzwischen sind selbst die routinemäßigen
Umweltbeobachtungsprogramme, die ständig und regelmäßig
durchgeführt wurden, stark eingeschränkt.
Ein WHO-Berater, der Irak im August 1994 besuchte, um die Umsetzung
des vom Gesundheitsministerium aufgelegten Programms zur Abgasüberwachung
zu bewerten, stellte fest: "Wenn die Dinge sich wie zuvor weiterentwickelt
hätten, hätte Irak im Bereich der Luftverschmutzung jetzt einen
Wissens- und Entscheidungsstand erreicht, der dem vieler europäischer
Länder entspräche."
Gesundheit
Durch die kriegsbedingten Umweltschäden hat die Gesundheit der
irakischen Bevölkerung schweren Schaden genommen. Die Statistiken
zeigen einen starken Anstieg durch Trinkwasser übertragbarer sowie
ernährungsbedingter Krankheiten, eine rapide Zunahme der Krebserkrankungen
(z.B. akute Leukämie, plastische Anämie oder auch Krebsrückfälle)
sowie eine deutlich steigende Zahl angeborener Missbildungen sowie von
Tot- und Fehlgeburten. Zudem stellen die Gesundheitsbehörden das Auftreten
zahlreicher bislang unbekannter Krankheiten fest. Die gesamte Bevölkerung
ist von diesen Entwicklungen betroffen, am meisten jedoch Kinder, Frauen
und Ältere.
Ein Teil dieser gesundheitlichen Auswirkungen kann mit großer
Sicherheit auf die 1991 von der US-Armee gegen den Irak eingesetzten radioaktiven
Waffen mit abgereichertem Uran (Depleted Uranium – DU) zurückgeführt
werden. Neben den schrecklichen unmittelbaren Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung
hatten diese Waffen eine schwere Schädigung der Umwelt zur Folge.
Um die Langzeitwirkung des DU zu erforschen bedarf es noch weitergehender
Untersuchungen. Die epidemiologischen und statistischen Untersuchungen
werden fortgesetzt, um die Folgen des moralisch und rechtlich unhaltbaren
Einsatzes dieser Waffen gegen Irak in ihrem vollen Ausmaß zu erfassen
und wissenschaftlich zu beweisen.
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