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Uranmunition

junge Welt

Mittwoch, 25. Oktober 2000, Nr. 249

Krankmacher Kosovo

Lissabon will Soldaten wegen Gefährdung durch DU-Munition abziehen

 

Wie serbische Quellen berichten, folgte in der vergangenen Woche die französische Regierung der italienischen und forderte eine Untersuchung über die Auswirkungen von verschossener Munition aus abgereichertem Uran (Depleted Uranium - DU-Munition) auf ihre Soldaten im Kosovo. Zwei italienische KFOR-Soldaten, die mit ähnlichen Symptomen wie denen des »Golfkriegssyndroms« an Krebs erkrankt sind, sollen kürzlich aus der südserbischen Provinz nach Rom ausgeflogen worden sei n. Der Militärstaatsanwalt in der italienischen Hauptstadt sei daraufhin seinen Kollegen in Mailand, Turin und Venedig gefolgt und habe ebenfalls eine Untersuchung über die Auswirkungen der DU-Munition auf die italienische Truppen im Kosovo in die Wege geleitet. Vor diesem Hintergrund scheint sich nun der Verteidigungsminister in Lissabon entschlossen zu haben, das gesamte portugiesische Truppenkontingent aus dem Kosovo abzuziehen.

Letzten Monat hatte der jugoslawische Botschafter in der Tschechischen Republik, Djoko Stojicic, vor der Presse in Prag erklärt, daß KFOR-Soldaten im Kosovo seit langem Gesundheitsprobleme haben, die »mit großer Wahrscheinlichkeit« im Zusammenhang mit der von der NATO massenhaft verschossenen DU-Munition stehen. Belgische und holländische Truppen werden durch ihren Regierungen angewiesen, keine lokalen Produkte zu essen. Kleidungsstücke müssen beim Verlassen des Kosovo zerstört und Fahrzeuge dekontaminiert werden. Selbst Trinkwasser wird angeblich eingeflogen.

Der großen Lissabonner Tageszeitung Diario de Noticias zufolge bedauert Portugals Verteidigungsminister Julio de Lemos de Castro Caldas, seine Entscheidung zum Truppenabzug aus dem Kosovo nicht schon früher getroffen zu haben. Das Blatt beruft sich auf namentlich nicht genannte Regierungsbeamte. Zudem stößt die Teilnahme der portugiesischen Streitkräfte in dem 78tägigen Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien in Lissabon mehr und mehr auf Kritik.

Folgt man Diario de Noticias, dann beschwert sich der portugiesische Verteidigungsminister, vom NATO-Generalsekretär nicht gewarnt worden zu sein, bevor er seine Truppen im Kosovo in Gebiete schickte, die angeblich besonders von DU-Munition verseucht sind. Angeblich stünden die Portugiesen mit ihrer Kritik nicht allein. Auch andere Länder seien um die Gesundheit ihrer Soldaten im Kosovo besorgt. Deshalb, so Diario de Noticias, will Minister Castro Caldas demnächst das NATO-Hauptquartier in Brüssel darüber unterrichten, daß Portugal den Rückzug seiner Truppen aus dem Kosovo beabsichtigt.

Auf Nachfrage von junge Welt erklärte ein hoher Beamter der portugiesischen NATO-Delegation in Brüssel, daß Lissabon zwar beabsichtige, seine Soldaten aus Kosovo abzuziehen. Dies habe aber nichts mit den dem portugiesischen Verteidigungsminister zugeschriebenen Äußerungen in der Zeitung Diario de Noticias zu tun. Der Grund für den Abzug aus Kosovo sei vielmehr die sich rapide verschlechternde - Sicherheitslage in der ehemaligen portugiesischen Kolonie Ost-Timor. Wegen der begrenzten Möglichkeiten Portugals müßte Lissabon seine Truppen aus dem Kosovo abziehen, um sie in Ost-Timor einzusetzen. Im Rahmen einer »Neueinschätzung« wolle man daher »schon demnächst« die NATO offiziell von den Abzugsplänen informieren, so der Portugiese in Brüssel.

Das portugiesische Truppenkontingent im Kosovo, die Taskforce Pegasus, steht unter dem Kommando von Oberstleutnant Antonio Manuel Felicia »Rebelo« Teixeira. Die aus 302 Mann bestehende Einheit ist Teil der portugiesischen Schnellen Eingreiftruppe (BLI). Seit dem 11. Februar 2000 sind die Pegasus-Soldaten in Klina stationiert. Ob Portugal tatsächlich auf die 302 Soldaten im Kosovo angewiesen ist, um das Ost-Timor-Kontingent zu verstärken, darf angezweifelt werden. Aber ohne Zweifel wäre es eine geschickte Erklärung, um die Großen innerhalb der NATO nicht zu verärgern.

Trotzdem würde der Abzug portugiesischer Truppen aus Sicht Washingtons und der NATO das falsche Signal setzen. Ein schon lange befürchteter Erosionsprozeß könnte einsetzen und eine breite Rückzugsbewegung auch anderer Länder einleiten. Deshalb ist zu erwarten, daß Washington und Brüssel alles in ihrer Macht Stehende versuchen werden, um Portugal von diesem Schritt abzuhalten.

Rainer Rupp

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Zuletzt geändert: 09.07.2006