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Uranmunition
Ein Artikel von Rainer Rupp aus der jungen Welt
Verbrechen dauert an
London und Washington Desinformation in Sachen DU- Munition vorgeworfen
»Die Bosnier, die die Zunahme von Krebsfällen untersuchen, können keine
Informationen von der NATO erhalten. Das ist kein Skandal, das ist ein
Verbrechen«, schrieb am Dienstag Robert Fisk in einem Artikel in der
linksliberalen britischen Tageszeitung The Independent mit dem Titel »Die
Wahrheit über abgereichertes Uran«. Der über die Grenzen Großbritanniens
bekannte, NATO-kritische Fisk war einer der wenigen westlichen Journalisten, die
während des gesamten NATO-Angriffskrieges aus Jugoslawien berichteten und so
auch die schrecklichen Wirkungen der modernen Kriegsführung auf die Zivilbevölkerung
beschreiben konnten. Weil Fisk nicht wie viele seiner Kollegen den »humanitären
Krieg« der »neuen NATO« verherrlicht hatte, versuchten interessierte Kreise,
ihn als jugoslawische Marionette zu diffamieren.
In seinem jüngsten Artikel erinnert sich Fisk, wie er im April 1999 neben einer
alten ottomanischen Brücke im südlichen Kosovo eines der NATO-Schlachtfelder
besuchte. »NATO-Jets hatten einen Konvoi albanischer Flüchtlinge bombardiert
und Dutzende von ihnen in den umliegenden Feldern zerfetzt. Die NATO-Jets, das
wußte ich schon damals, hatten DU-Munition abgefeuert.« Als Fisk ein halbes
Jahr später an denselben Ort im Kosovo zurückkehrte, fand er neben der Brücke
»genau an der Stelle, wo eine Bombe eine ganze Flüchtlingsfamilie auf ihrem
Traktor zerrissen hatte«, fünf italienische KFOR-Soldaten, die dort einen
kleinen Kontrollpunkt gebaut hatten.
»Ich versuchte sie zu warnen, daß sie auf einer verseuchten Stelle stehen. Ich
klärte sie über abgereichertes Uran auf, sprach über die Krebsfälle, die
unter irakischen Kindern grassieren, die entweder selbst oder deren Eltern in
der Nähe von DU-Explosionen gewesen waren. Einer der jungen Soldaten lachte
mich aus. Er habe diese Geschichten, gehört. Aber die NATO hätte ihren
Soldaten versichert, daß von abgereichertem Uran keine Gefahr ausginge. Und ich
wurde von den Soldaten aufgefordert, mich nicht um sie zu sorgen. Sie hätten es
besser wissen müssen«, so Fisk.
Nur einige Wochen vor diesem Vorfall hatte ein Team von UNO-Wissenschaftlern,
die ins Kosovo geschickt worden waren, um die Gefährlichkeit der Urangeschosse
zu untersuchen, von der NATO vergeblich Auskunft über die mit DU-Munition
beschossenen Gebiete verlangt. Die NATO lehnte schlicht weg ab. »Das überraschte
mich nicht«, fährt Fisk in seinem Bericht fort, »denn vom ersten Tag des
NATO-Bombardements an hat das Bündnis über die DU-Munition gelogen. Genau wie
die amerikanische und britische Regierung immer noch über deren Auswirkungen im
südlichen Irak während des Golfkrieges 1991 lügen.«
Fisk hatte die Schlachtfelder um die irakische Stadt Basra besucht und war auf
»schreckliche neue Krebsfälle unter den Menschen, die dort leben, gestoßen«.
Auch genetische Schäden wurden deutlich. »Babys wurden ohne Arme, ohne Beine,
ohne Augen geboren. Kinder hatten interne Blutungen oder entwickelten plötzlich
groteske Tumore. Und - unnötig zu erwähnen - UNO-Sanktionen verzögerten oder
verhinderten, daß diese armen Teufel die notwendige Medizin bekamen.«
Genau wie Rudolf Scharping und seine Militärs heute belächelten damals
britische Minister die alarmierenden Berichte. Dabei beriefen sich die Briten
genau wie jetzt Scharping auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und - genau
wie jetzt der deutsche Verteidungsminister - verwiesen sie darauf, daß es keine
gesicherten Daten über die Zusammenhänge zwischen dem »Golfkriegssyndrom«
und der DU-Munition gäbe.
Selbstverständlich konnte es keine in Großuntersuchungen wissenschaftlich
gesicherten Daten geben. Die WHO, die wiederholt von Bagdad eingeladen wurde,
die neue und ungewöhnliche Krebshäufung im Irak zu untersuchen, war immer
wieder von amerikanischen und britischen Stellen daran gehindert worden.
In all den Jahren seien Dokumente, die den Zusammenhang zwischen DU-Munition und
Golfkriegssyndrom nachgewiesen hätten, als wissenschaftlich ungeeignet abgetan
worden, klagt Fisk. »Selbst ein Bericht des amerikanischen Militärs, der die
Gesundheitsgefahren von DU-Munition genau schilderte und deshalb die Unterdrückung
der Informationen forderte, wurde von den Politikern pflichtbewußt ignoriert.«
Vor zwei Jahren schrieb Robert Fisk über einen britischen Regierungsbericht,
der genau schildert, welche außerordentlichen Vorsichtmaßnahmen das Militär
in die Wege geleitet hat, wenn es auf den Schießständen in Großbritannien DU-
Munition testet. In Cumbria wurden demnach die Granaten in einen Tunnel hinein
abgefeuert. Der von der
Einschlagsexplosion resultierende Staub wurde aufgefangen und in Behältern aus
Beton versiegelt und begraben.
Als erstes sei er damals von einem Beamten des Verteidigungsministeriums gefragt
worden, ob er wegen des Aufdeckens dieser Zusammenhänge strafverfolgt werden könnte,
schrieb Fisk am Dienstag und verwies auf weitere Vertuschungsbemühungen der
britischen Regierung. So sei zum Beispiel das Haus eines am Golfkriegssyndrom
erkrankten Soldaten, der in der Öffenlichkeitsarbeit aktiv war, von der
britischen Polizei bei der Suche nach angeblichen »Geheimdokumenten« auf den
Kopf gestellt worden.
»Ehrenhaftere Polizisten hätten vielleicht an anderer Stelle nach Dokumenten
gesucht, die die DU-Gefahren nachweisen und die als Grundlage der Anklage gegen
hohe Offiziere und Politiker wegen Totschlags liefern würden«, meinte Fisk
dazu. »Aber selbstverständlich versuchte die Polizei, die undichte Stelle zu
finden, über die das Dokument in die Öffentlichkeit kam, statt die Ursache für
den Krebs der sterbenden Männer.«
Während des NATO-Krieges reiste Fisk von Belgrad nach Brüssel, um sich im
NATO-Hauptquartier über den Einsatz von DU-Munition zu erkundigen. Dabei erzählte
ihm der deutsche Luftwaffengeneral Walter Jertz, daß abgereichertes Uran »harmlos«
sei und in Bäumen, in der Erde und in den Bergen gefunden würde. Eine glatte Lüge.
Wieder zurück im Kosovo, erklärte ein britischer Offizier Fisk in einem
privaten Gespräch, daß die Amerikaner soviel DU-Munition im Krieg gegen
Serbien verwendet hatten, daß sie nun keine Ahnung hätten, wie viele Gebiete
verseucht sind. »Zugleich versuchen die Amerikaner und Briten, uns weiter zu täuschen.
Unverfroren verkünden jetzt die Amerikaner, daß es unter ihren Truppen im
Kosovo keine Fälle von Leukämie gibt.« Seltsam nur, so Fisk, sie vergessen zu
erwähnen, daß die meisten US-Soldaten im Kosovo im Camp Bondsteel nahe der
mazedonischen Grenze stationiert sind, wo die NATO keine DU-Munition abgefeuert
hat. Mit keinem Wort schließlich würde Washington die Zigtausende
amerikanischen Soldaten erwähnen, die ihre Krankheit auf eine Verseuchung im
Golfkrieg zurückführen. »Britische Veteranen sterben an unerklärten
Krebsarten aus dem Golfkrieg. Ebenso die US- Veteranen. Und jetzt sind
NATO-Truppen aus Bosnien und dem Kosovo dran, besonders Italiener sterben an
unerklärten Krebsfällen. Wie die Kinder in den Krankenhäusern von Basra,
zusammen mit ihren Eltern und Onkeln und Tanten. Und den bosnischen Behörden,
die die Zunahme von Krebsfällen erforschen wollen, verweigert die NATO die
notwendigen Informationen. Dieses ist kein Skandal, es ist ein Verbrechen.«
Rainer Rupp
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