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Uranmunition
Joachim Guilliard
"Golfkriegs-Syndrom" im Irak
Zusammenfassung einiger Studienergebnisse über die Auswirkungen
des Krieges auf Umwelt und Gesundheit *)
Trotz der langen Zeit, die seit dem Golfkrieg vergangen ist, des weltweit
bekannten sogenannten Golfkriegssyndroms und vieler anderer Hinweise auf
die verheerenden Folgen des Krieges auf Umwelt und Gesundheit, insbesondere
auch durch den Einsatz von DU-Munition, wurden eben diese Folgen bisher
nicht ausreichend erforscht. Die USA verhinderten zum Beispiel bisher erfolgreich,
daß die WHO in größerem Umfang Feldstudien im Irak durchführen
konnte. So sind wir im Moment vorwiegend auf die von irakischen Wissenschaftlern
und Wissenschaftlerinnen durchgeführten Studien angewiesen. Aufgrund
der Erfahrungen in anderen Bereichen werden die präsentierten Zahlen
von Mitarbeitern der UN-Organisationen als zuverlässig angesehen.
Es ist davon auszugehen, daß die Studien die tatsächliche Zahl
der Opfer von Erkrankungen eher unterschätzen, da viele Kranke nicht
mehr in Hospitälern untergebracht werden können und Familien
den Tod eines Angehörigen gegenüber staatlichen Stellen bisweilen
verschweigen, um weiter die jeweilige Lebensmittelzuteilung zu erhalten.
Die irakische Regierung schließlich hat kein Interesse daran, mit
hohen Todesraten Panik unter der Bevölkerung zu fördern.
Radioaktive Verseuchung
Um den Zusammenhang zwischen dem Einsatz von Uranmunition und dem starken
Anwachsen bestimmter Krankheiten nachweisen zu können, muß zunächst
ermittelt werden, wo und mit welcher Intensität sie eingesetzt wurden.
Der Vergleich der Belastung verschiedener Regionen mit den dort beobachteten
Krankheitsraten kann schon Hinweise auf ihre Ursachen liefern.
Besonderes Augenmerk bei den im Irak nach dem Krieg durchgeführten
Studien wurde daher auf die südlichen Gebiete des Zweistromlandes
gelegt, die Ziel sehr intensiver Bombardierungen waren. Die Studien belegen,
daß weite Gebiete im Süden, in denen auch eine große Zahl
ungewöhnlicher Krankheitsfälle registriert wurde, durch den Einsatz
radioaktiver Waffen verseucht sind.
Die folgenden Tabellen aus einem vom irakischen Gesundheitsministeriums
zusammengestellten Bericht zeigen die radioaktiven Belastungen an einigen
Stellen im Süden Iraks, wo die USA und Großbritannien Uranmunition
eingesetzt hatten. Wie zu erkennen ist, steigt die Strahlung in unmittelbarer
Nähe von Zielen, die von DU-Munition getroffenen wurden, bis auf das
neunfache der normalen Hintergrundstrahlung an.
Tabelle 1: Feldmessungen radioaktiver Strahlung im Süden
Iraks in
Mikroröntgen pro Stunde
Probe Typ der gewählten Probe Radioaktive Strahlung (µR/Std)
Hintergrund Probe
– Shamia Airfield/Gudairat Al-Audhaimi-Gebiet
1 T-72 Panzer 7,0 60,8
2 Gepanzerter Personentransporter (Watercan) 7,2 60,3
3 Gebiet weit entfernt von Probe 1 (T-72) 7,1 7,3
4 Gebiet weit entfernt von Probe 2 (Watercan) 7,3 7,2
– DMZ und umliegendes Gebiet
1 Nicht explodierter DU-Gefechtskopf (in der Nähe der Karrange
Ölförderstation an der irakisch-saudischenGrenze ) 7,4
83,0
2 T-55 Panzer (zwischen den Nationalstraßen 13 und 14) 7,6 21,0
3 T-72 Panzer (No. 16107) 7,2 23,0
4 T-55 Panzer links der Nationalstraße 9) 7,4 67,0
5 T-72 Panzer (in der Nähe des internationalen Beobachtungsposten
zwischen den Nationalstraßen 12 und 13) 7,6 69,0
6 T-72 Panzer (südwestlich des Sanambergs) 7,0 65,0
Andere Studien konnten bereits Spuren des abgereicherten Urans und der
bei seinem Zerfall entstehenden, ebenfalls radioaktiven Spaltprodukte im
Boden, im Grundwasser, in Wildpflanzen und Tieren nachweisen.
Häufung bestimmter Krankheiten nach Bombardierungen
Nach dem Krieg stieg die Zahl bestimmter Krankheitsfälle innerhalb
weniger Jahre drastisch an, besonders in den Provinzen, die am stärksten
Bombardierungen während des Golfkrieges ausgesetzt waren. Wie die
Tabellen 2 bis 4 zeigen, stieg die Zahl der registrierten Krebsfälle
in Thi-Qar und Misan im Süden bis 1994 auf das sechsfache und mehr,
in Basra um das zweieinhalbfache und in Bagdad immerhin auf das eineinhalbfache
des Vorkriegswertes an. Ähnliche Häufungen sind auch bei Fehlgeburten
und angeborenen Missbildungen zu beobachten.
Besonders auffällig ist der Anstieg bestimmter Krebsarten bei Kindern
unter 15 Jahren: Hier mußte 1999 bei verschiedenen Formen von Leukämie
ein Anstieg von 100 Prozent im Vergleich mit 1990 registriert werden, nachdem
dieser Anstieg 1997 schon bei 60 Prozent lag. Betrachtet man alle Krebserkrankungen
bei Kindern, so erkrankten 1999 dreieieinhalb mal soviele wie 1990. Bereits
1997 waren es mehr als doppelt soviele (120 Prozent). Die Gesamtzahl aller
Krebserkrankungen betrug 1999 10,1 pro 100.000 Kindern unter 15 Jahren.
Im Vergleich dazu betrug sie 1990 nur 3,98 und 1997 bereits 7,22.
Tabelle 2: Registrierte Krebsfälle in Bagdad und anderen Provinzen
Provinz 1989 1994 Faktor
1 Bagdad 4183 6427 1,54
2 Ninive 1500 1629 1,09
3 Basra 180 461 2,56
4 Tamim 86 114 1,33
5 Misan 37 218 5,89
6 Anbar 51 95 1,86
7 Salahudin 90 94 1,04
8 Thi-Qar 72 489 6,79
9 Muthanna 27 59 2,19
10 Wasit 44 69 1,57
11 Diyala 69 134 1,94
12 Babil 73 166 2,27
13 Najaf 70 126 1,80
14 Kerbala 28 45 1,61
15 Qadisia 53 86 1,62
Total 6563 10212 1,56
Tabelle 3: Tot- und Fehlgeburten in Bagdad und anderen Provinzen
Provinz 1989 1994 Faktor
1 Bagdad 6281 7729 1,23
2 Ninive 2364 3440 1,46
3 Basra 2137 3618 1,69
4 Tamim 1458 1826 1,25
5 Misan 1879 3196 1,70
6 Anbar 2351 2622 1,12
7 Salahudin 1611 1507 0,94
8 Thi-Qar 1491 2728 1,83
9 Muthanna 1015 707 0,70
10 Wasit 1234 1882 1,53
11 Diyala 1382 3314 2,40
12 Babil 1219 1724 1,41
13 Najaf 987 2480 2,51
14 Kerbala 1138 2316 2,04
15 Qadisia 1223 2627 2,15
Total 27770 41716 1,50
Tabelle 4: Registrierte Fälle angeborener Anomalien in Bagdad
und anderen Provinzen
Provinz 1989 1994 Faktor
1 Bagdad 138 294 2,13
2 Ninive 65 77 1,18
3 Basra 40 117 2,93
4 Tamim 45 122 2,71
5 Misan 41 86 2,10
6 Anbar 34 71 2,09
7 Salahudin 64 68 1,06
8 Thi-Qar 29 32 1,10
9 Muthanna 35 81 2,31
10 Wasit 49 54 1,10
11 Diyala 34 36 1,06
12 Babil 38 44 1,16
13 Najaf 12 35 2,92
14 Kerbala 25 27 1,08
15 Qadisia 37 42 1,14
Total 674 2386 1,73
Um zu ermitteln, ob der Anstieg dieser Krankheiten tatsächlich
auf die Bombardierungen zurückzuführen ist, wurden zahlreiche
medizinische Studien durchgeführt. Hierfür wurden Stichproben
aus der Gruppe der erkrankten Personen nach wissenschaftlichen Methoden
mit gleich großen Kontrollgruppen von Personen verglichen, die nicht
an diesen Krankheiten erkrankten.
Eine dieser sogenannten retrospektiven Studien behandelte zum Beispiel
die Häufigkeit der Erkrankung an Krebs, Neurosen und Kurzsichtigkeit,
sowie die Zahl der Fehlgeburten und angeborener Missbildungen. Aus allen
Provinzen wurde ein bestimmter Anteil von Personen mit einer dieser fünf
Krankheiten nach einem Zufallsverfahren ausgewählt, sowie eine gleich
große Kontrollgruppe. Die Tatsache, daß Personen Bombenangriffen
ausgesetzt waren oder in einer bombardierten Gegend leben, wurde als wesentlicher
Indikator einbezogen.
Ziel der statistischen Auswertungen war, Informationen über den
Grad des Zusammenhangs der Häufigkeit von Erkrankungen und dem Ausgesetztsein
von Bombardierungen zu erhalten. Bei Krebserkrankungen, Tot- und Fehlgeburten
und angeborenen Mißbildungen erweist sich dieser Zusammenhang hierbei
als hoch signifikant. Das heißt, eine zufällige Häufung
der Erkrankungen bei den Personen, die Bombardierungen ausgesetzt waren,
kann mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden. Die Irrtumswahrscheinlichkeit
liegt hier weit unter 0,01 Prozent.
Bei Neurosen und Kurzsichtigkeit hingegen kann aufgrund der geringeren
Fallzahlen ein Zusammenhang noch nicht mit ausreichender Sicherheit hergestellt
werden.
Die Tabelle zeigt die Anteile der Personen aus den beiden Gruppen, die
Bombardierungen ausgesetzt waren. Wie man sieht, waren dies bei den Krebserkrankungen
zum Beispiel mehr als drei mal soviele wie die, die verschont blieben.
Da das Verhältnis in der Kontrollgruppe fast umgekehrt zwei zu drei
ist, läßt sich feststellen, daß unter den Krebskranken
letztlich mehr als sechs mal soviele Personen sind, die Bombardierungen
ausgesetzt waren, wie in der Kontrollgruppe.
Dieses Verhältnis drückt auch das unterschiedliche Risiko
aus, an Krebs zu erkranken, das Personen haben, die bombardiert wurden
im Gegensatz zu denen die verschont blieben. Diese in der Tabelle aufgeführten
"relativen Risiken" sind natürlich nur Schätzwerte. Die tatsächlichen
Werte liegen mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent in den ebenfalls
angegebenen Bereichen (Konfidenzintervalle).
Tabelle 5: Anstieg des Risikos durch Bombardierungen
Den Bombardierungen ausgesetzt waren …
Krankheit Gesamtzahl Von den Erkrankten aus der Kontrollgruppe
Relatives Risiko 95% Konfidenz --intervall Irrtumswahrscheinlichkeit
Tot- und Fehlgeburten N 1314 988 637 3,2 2,7 - 3,8 < 0,01%
% 75,2% 48,5%
Angeborene Anomalien N 752 463 318 2,2 1,8 - 2,7 < 0,01%
% 61,6% 42,3%
Krebs N 667 519 224 6,9 5,4 - 8,8 < 0,01%
% 77,8% 33,6%
Neurosen N 68 63 58 2,2 0.7 - 6.7 17,1%
% 92,6% 85,3%
Kurzsichtigkeit N 81 77 73 2,1 0.6 - 7.3 23,0%
% 95,1% 90,1%
Das Risiko von Tot- und Fehlgeburten erhöhte sich demnach für
Personen, die direkt oder indirekt Bombardements ausgesetzt waren, um mehr
als das dreifache, das von Missbildungen um mehr als doppelte. Bei Krebs
stieg das Risiko sogar auf das fünf bis neunfache an. Mit anderen
Worten: fünfzig Prozent aller angeborenen Anomalien, zwei von drei
Tot- oder Fehlgeburten und mehr als vier von fünf Krebserkrankungen
sind auf die Bombardierungen zurückzuführen.
Dies sagt natürlich noch nichts darüber aus, welchen Anteil
die Uranmunition an diesem katastrophalen Anstieg hat. Allerdings gibt
es viele Indizien, die auf DU-Munition als Ursache hinweisen. So stimmt
die Zunahme der Erkrankungen und ihre geographische Verteilung über
die Provinzen mit der Intensität der Bombardierungen mit DU-Munition
überein.
Die Krebsfälle mit den höchsten Zuwachsraten sind zudem Leukämie,
Lungen-, Blasen-, Haut-, und Magenkrebs, sowie bei Frauen Brustkrebs. Bei
bestimmten selteneren Arten bösartiger Geschwüre, wie Teratome,
Nierenkrebs, Muskelgewebesarkome, Kleinhirntumore ist der Anstieg sogar
noch stärker. Dies stimmt mit Veröffentlichungen der WHO
und den Ergebnissen internationaler Studien über die Auswirkungen
radioaktiver Strahlung überein.
Der Anstieg dieser Krankheiten vollzog sich innerhalb von drei Jahren
nach dem Golfkrieg. Andere Arten von Krebs, wie beispielsweise Schilddrüsenkrebs,
häufen sich erst zehn bis 40 Jahre, nachdem Personen radioaktiver
Strahlung ausgesetzt waren.
Die Häufungen von Fehlgeburten und angeborenen Missbildungen gelten
in der Medizin als die Folgen radioaktiver Strahlung, die typisch sind
und am schnellsten auftreten. Es gibt allerdings auch Missbildungen, die
erst nach drei bis vier Generationen in Erscheinung treten. Generell sind
die Langzeitwirkungen der Bombardierungen auf Mensch und Umwelt noch lange
nicht abzusehen.
Der Beitrag ist entnommen aus dem Buch „Der Irak – ein belagertes Land„,
herausgegeben von Rüdiger Göbel, Joachim Guilliard, Michael Schiffmann
entnommen, PapyRossa Verlag, Köln 2001, Broschur 250 Seiten,
ISBN 3-89438-223-6
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