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Uranmunition
Felicity Arbuthnot
Vergiftetes Erbe Die weltweite Zunahme von Krebs und
Missbildungen seit dem Golfkrieg
Während des sechs Wochen dauernden Golfkriegs gingen mehr Bomben
auf Irak nieder, als im ge-samten Zweiten Weltkrieg abgeworfen wurden.
Was damals weder der Öffentlichkeit noch den alli-ierten Truppen bekannt
war: Viele der Geschosse waren mit abgereichertem Uran (Depleted Urani-um
DU) ummantelt. Dieses atomare Abfallprodukt dient anstelle von Titan
als billiges Material zur Ummantelung von Waffen, die Panzerungen durchbrechen
können. Es verbrennt bei Berührung und erzeugt dabei einen feinen
Staub, der eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen werden kann und
der über Wasser und Boden in die Nahrungsmittelkette gelangt.
»Mit DU sind sowohl chemische als auch radiologische Gefahren
verbunden«, stellt das Umweltpoli-tikinstitut der US Army fest und
hebt hervor, dass DU als »schwach radioaktiver Abfall … in ausge-wiesenen
Lagerstätten gelagert werden muss« und dass »eingeatmete
unlösliche Oxide in der Lunge verbleiben und ein potentielles Krebsrisiko
darstellen«. Die Radioaktivität beginnt erst nach 4,5
Milliarden Jahren nachzulassen.**)
1990 sandte die britische Atomenergiebehörde einen Bericht an
die britische Regierung, der die Ein-schätzung enthielt, dass, wenn
im Falle eines Krieges 50 Tonnen der Substanz in der Golfregion ver-bleiben
würden, dies zu schätzungsweise 50.000 zusätzlichen Todesfällen
durch Krebs innerhalb ei-nes Jahrzehnts führen würde. Fachleute
schätzen die verbliebene Menge inzwischen auf 900 Tonnen, die vom
Wind verteilt werden.
Anfang 1992 waren die Ärzte in Irak verstört angesichts der
Zunahme von Missbildungen an Neuge-borenen einige davon so grotesk und
ungewöhnlich, dass die Ärzte nicht damit gerechnet hatten, sie
außerhalb medizinischer Lehrbücher oder gar häufiger als
ein- bis zweimal im wirklichen Leben anzutreffen. Sie verglichen sie mit
den Missbildungen, die auf den Pazifischen Inseln nach den Atomtests in
den 50er Jahren festgestellt worden waren. Auch die Zahl der Krebserkrankungen
stieg, vor allem bei jungen Menschen; sie sind am empfindlichsten gegen
Strahlung.
Erst 1993 begann die Tatsache ans Licht zu kommen, dass DU im Golfkrieg
eingesetzt worden war. Die Stellungnahmen, die angesichts der aufkommenden
Bedenken aus Washington und Whitehall zu hören waren, liefen auf ein
»keine unmittelbare Gefahr« und »nur sehr, sehr schwach
radioaktiv« hin-aus ungeachtet der Tatsache, dass Panzer,
die aus dem Golfkrieg in die USA zurückkamen, sofort in die nukleare
Entseuchungsanlage in Barnwell, North Carolina, transportiert wurden.
In Irak sammelten und sammeln Kinder Splitter von Geschossen oder Raketen
das ist für sie eine Möglichkeit, den Krieg aufzuarbeiten.
Sie nehmen sie mit nach Hause oder bringen sie in die Schule mit, um sie
vorzuführen. Der Arzt Professor Siegwart-Horst Günther bewahrte
ein solches Geschoss aus Basra im südlichen Irak zu Analysezwecken
auf und transportierte es nach Deutschland. In Ber-lin wurde er schließlich
wegen Verstoß gegen die Strahlenschutzbestimmungen inhaftiert.
Bei den Soldaten, die aus dem Golfkrieg zurückkamen, machten sich
fast sofort besorgniserregende Symptome bemerkbar. Eddie Blanche aus Newcastle,
Nordengland, war Fitnesstrainer beim Militär gewesen. Unmittelbar
vor seinem Einsatz in der Golfregion hatte er den »A1-Fit«-Test
bestanden. »Ich bin 30 Kilometer gerannt, mit einem 15-Kilo-Rucksack
auf dem Rücken. Ich bin als Fachmann für physische Fitness hingegangen
und als physisches Wrack zurückgekommen«, sagt er ironisch
seinen Sinn für Humor hat er sich bewahrt. Er hat die Sehkraft auf
einem Auge verloren, kann nur noch über kurze Strecken gehen und kommt
selbst dabei völlig außer Atem; zudem leidet er an schrecklichen
Gelenkschmerzen. Schon das Reden erschöpft ihn; bereits nach Minuten
ist sein Ge-sicht schweißnass.
In den USA haben sich mehr als ein Drittel der 600.000 im Golf eingesetzten
Soldaten hilfesuchend an die Kliniken der Veterans' Administration gewandt;
in Großbritannien sind 8.000 der 29.000 Truppenangehörigen krank,
und über 400 sind gestorben. Im Mai 1999 berichtete ein Coroner,
ein Beamter, der gewaltsame oder unnatürliche Todesfälle untersucht,
er habe jede Woche einen Fall ei-nes Golfkriegsveteranen, der Selbstmord
beginge. Aus Australien, Kanada und Neuseeland wird ähnliches
berichtet.
Eine Studie zu Krebs- und Leukämieerkrankungen bei den 1.400 irakischen
Soldaten, die im schwer bombardierten Gebiet um die südirakische Stadt
Basra gewesen waren, zeigte eine erschreckende Zunahme: So gab es beispielsweise
im Jahr 1991 zehn Fälle von Lymphdrüsenkrebs, im Jahr 1996 dagegen
106. Auch die Zahl der Gehirntumore stieg von einem einzigen Fall 1991
auf 40 Fälle 1996.
Diese Statistiken sind für viele Menschen Realität. Als Amy
Wests Ehemann glücklich aus der Gol-fregion nach Hause, in eine Kleinstadt
in Mississippi, zurückgekehrt war, beschloss das Paar, ein weiteres
Kind zu bekommen. Ihre Tochter kam mit einer seltenen Lungenkrankheit,
dem Goldenhar-Syndrom, zur Welt. Nur wenig später erfuhr Amy, dass
zwei weitere Frauen ehemaliger Soldaten ebenfalls Kinder zur Welt gebracht
hatten, die an dieser Krankheit litten. Sie verbrachte ein Jahr lang ihre
Abende damit, all diejenigen in der Stadt ausfindig zu machen und anzurufen,
die in der Golfre-gion gewesen waren. Sie fragte sie, ob sie seitdem ein
Kind bekommen hätten und wenn ja, ob es ge-sund sei. 67 Prozent der
251 Familien, die seitdem Kinder bekommen hatten, berichteten von ange-borenen
Schäden: fehlenden Ohren, Augen oder Fingern, schweren Bluterkrankungen
oder Atembe-schwerden. Mit Hilfe ihres Hausarztes, eines alten Freundes,
der Amy von Kind auf kannte, stellte sie ihre Ergebnisse zusammen und sandte
sie an den Beratungsausschuss des Präsidenten für Golfkriegs-erkrankungen.
Sie wurden vom Vorsitzenden des Ausschusses, Bernard Rostker, als »unwissenschaftlich«
zurückgewiesen. Der Hausarzt eröffnete Amy, er bedaure sehr und
es sei ihm sehr unangenehm, aber er könne nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten.
Er bedaure ebenso sehr, dass er ihr nicht sagen könne, weshalb.
Professor Asaf Durakovic hätte vielleicht eine Erklärung
gehabt. Er ist einer der weltweit führenden Fachleute auf dem Gebiet
der Strahlenforschung, und ihm sind derartige Vorkommnisse vertraut. »Ein
Arzt, der sich auf diesem Gebiet zu engagieren beginnt, wird unter Druck
gesetzt, wird entlas-sen; Akten und Beweisstücke verschwinden plötzlich.«
Durakovic war »entsetzt«, als er erfuhr, dass DU in der Golfregion
eingesetzt worden war, und schrieb im Februar 1997 an Präsident William
Clinton: »Ich setze Sie von der Verschwörung gegen die im Golfkrieg
eingesetzten Soldaten der Vereinigten Staaten in Kenntnis.« Nur wenig
später erhielt er die Kündigung seiner Stellung als hochrangiger
Mitarbeiter der Abteilung für Nuklearmedizin bei der Veterans' Administration
Autho-rity in Wilmington, Delaware.
Ray Bristow von der British Gulf Veterans' and Families' Association
teilt Durakovics Position: »An die Truppen waren Dosimeter (Strahlungsmessgeräte)
ausgegeben worden. Später wurde zuerst ge-leugnet, dass überhaupt
welche ausgegeben worden waren; dann sagte man uns, die Aufzeichnungen
seien verlorengegangen; dann hieß es plötzlich, die gemessenen
Werte seien alle normal gewesen aber niemandem wurde Einblick in die
Aufzeichnungen gewährt. Die medizinischen Akten der Golfkriegsveteranen
gehen regelmäßig verloren.« Bristow war Medizintechniker
im 32. Feldhospital in Saudi-Arabien und ist einer der zahlreichen kranken
Veteranen, die Druck auf das British Medical Assessment Programme (MAP)
ausüben, um diese vom Verteidigungsministerium als Reaktion auf die
Golfkriegserkrankungen eingerichtete Behörde dazu zu bringen, DU-Tests
durchzuführen. Am 17. Januar 1998, auf den Tag genau sieben Jahre
nach Beginn des Golfkriegs, gaben er und andere schwer kranke Veteranen
als Zeichen des Protests ihre militärischen Auszeichnungen zurück.
Im De-zember 1998 trafen Bristow und Dr. Colin Purcell Lee, ein weiterer
kranker Golfkriegsveteran, eine folgenschwere Entscheidung: Sie würden
an einer internationalen Konferenz zum Thema »Gesundheits- und Umweltfolgen
des von den US-amerikanischen und britischen Streitkräften im Golfkrieg
1991 eingesetzten abgereicherten Urans« teilnehmen. Tagungsort: Bagdad.
Mit einer Handbewegung wischen beide die Fragen nach der Reise weg
einer Reise, die selbst für den gesündesten Menschen strapaziös,
für einen Kranken aber mörderisch ist. Statt dessen beschreibt
Colin Purcell die Begegnung mit einem todkranken irakischen Oberst: »Es
war offensichtlich, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Wir umarmten
uns und blieben eine Weile so stehen. Es war für uns beide heilsam.«
Und Bristow fügt an: »Wenn ich daran denke, dass ich erst nach
Irak fahren musste, um herauszufinden, was mir fehlte und dann mein Leiden
dort gespiegelt sah.« Er erinnert sich dar-an, wie er in einem Krankenhaus
darauf wartete, der BBC ein Interview zu geben endlich eine Ge-legenheit,
der Welt das Leiden der Golfkriegsopfer bewusst zu machen. »Ich bin
Mediziner, ich habe gelernt, praktisch und nicht emotional zu reagieren;
aber dort war ich umgeben von Kindern, die an Leukämie und Krebs starben
und nur minimale oder überhaupt keine Behandlung bekamen, und plötzlich
konnte ich nur noch hemmungslos weinen. Es gab also kein Interview, keine
Öffentlich-keitsarbeit für uns oder für die Leidenden in
Irak.«
Bis vor kurzem belegte der Sanktionsausschuss Medikamente gegen Krebs
mit seinem Veto, mit der Begründung, es handele sich um »Dual-use«-
Produkte, Produkte also, die sowohl für zivile wie für militärische
Zwecke nutzbar seien; schließlich enthielten die Medikamente radioaktive
Strahlung, wenn auch in verschwindend geringer Menge.
Als Bristow und Purcell Lee zurückkehrten, mussten sie feststellen,
dass sie »von einem hochrangi-gen Kabinettsmitglied als Verräter
bezeichnet« und dass ihre Wohnungen von Polizeikräften des Verteidigungsministeriums
durchsucht worden waren. Alle Computer, Disketten und Dateien waren mitgenommen
worden. Der Grund: Man suchte nach einem Dokument, welches belegte, dass
der Medizinische Direktor des MAP mit dem Chemiewaffenproduzenten Porton
Down Kontakte pflegte, um den Befürchtungen zu begegnen, dass DU ursächlich
mit den Leiden der Veteranen verknüpft sei. Acht Jahre lang weigerte
sich das MAP, eine solche Sichtweise zu unterstützen, und leugnete
es nach wie vor auch gegenüber den Betroffenen. Letzten Juni, als
die Medien ausführlich über das Leiden australischer Golfkriegsveteranen
berichteten, wurden aus der Wohnung des Aktivisten Philip Steele alle Computerdisketten
und Unterlagen mit Material zu den Golfkriegskrankheiten gestohlen. Nichts
anderes wurde entwendet.
Im März 1999 schickten erkrankte Veteranen aus Kanada, den USA,
Großbritannien und Irak Urin-proben für einen DU-Test an Professor
Hari Sharma, einen hochgeschätzten emeritierten Chemie-professor an
der Waterloo-Universität in Ontario, Kanada. Die Ergebnisse waren
erschreckend. Alle waren positiv, und bei einigen der Patienten, darunter
auch Ray Bristow, betrug der gemessene Wert mehr als das 100fache des zulässigen
Grenzwerts. Dasselbe galt für Terry Riordan, der seine Ergeb-nisse
am Mittwoch, dem 28. April, erhielt. Er war der erste kanadische Veteran,
der sich von Sharma testen ließ. Riordan und seine Frau Sue hatten
100.000 Dollar Schulden gemacht, um die medizini-sche Behandlung bezahlen
zu können und um zu beweisen, dass die Ursache seiner Krankheit die
ra-dioaktive Strahlung im Golfkrieg war. Am Donnerstag, dem 29. April,
starb Riordan. Der Toten-schein nennt als Todesursache das »Golfkriegssyndrom«.
Riordan vermachte seinen Körper den Golfkriegsveteranen, damit Gewebeuntersuchungen
durchgeführt werden konnten.
Sharma, der nie zuvor in einer Kampagne aktiv gewesen war, schrieb
an die NATO und an die Staatsoberhäupter aller im Besitz von DU-Waffen
befindlichen Länder und bat sie eindringlich, diese Waffen aus den
Arsenalen ihrer Armeen zu verbannen. Er verurteilte DU als ein »Verbrechen
gegen die Menschheit«. Sharma sagte voraus, dass es, wenn seine Ergebnisse
repräsentativ seien, unter den Golfkriegsveteranen 36.000 zusätzliche
Todesfälle durch Krebs geben würde. Er betonte, dies sei noch
eine sehr vorsichtige Schätzung. Sharma ist zwischenzeitlich von
der Mitwirkung an DU-Testreihen entbunden worden. Und ganz zufällig
kündigte das britische Verteidigungsministerium wenig später
an, dass das MAP nun doch DU-Tests für Veteranen durchführen
würde.
Im August 1996 hatte der UNO-Unterausschuss für Menschenrechte
DU als Massenvernichtungs-waffe in eine Reihe mit Napalm und Clusterbomben
gestellt. Abgereichertes Uran wurde 1995 in Bosnien verwendet. 1997 hatte
sich die Krebsrate verdreifacht. Im letzten Balkankrieg wurden DU-Waffen
in großem Umfang eingesetzt. Strahlungsmessungen in Ungarn, Bulgarien
und Griechenland ergaben, dass der Sicherheitsrichtwert für DU-spezifische
Strahlung in der Luft um das bis zu 40fache überschritten wird. Das
britische Verteidigungsministerium betont, Verteidigungsminister Douglas
Henderson habe strikte Anweisung gegeben, dass Truppenangehörige ohne
Strahlenschutz-kleidung sich keinem Ziel nähern dürften, das
möglicherweise von DU getroffen worden war. Auf das Problem der in
der Region lebenden oder dorthin zurückkehrenden Menschen angesprochen,
antwortete das Verteidigungsministerium, für die Lösung dieses
Problems sei der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge zuständig.
DU-Waffen sind mittlerweile an 17 Staaten verkauft wor-den.
Irak hat inzwischen neun Jahre Zeit gehabt, die vollen Auswirkungen
des DU zu spüren. Die Krebs-rate ist dort bis auf das zehnfache angestiegen.
Dr. Huda Ammash, Umweltbiologin an der Universi-tät Bagdad, hat an
der Universität Missouri promoviert. Sie schätzt, dass »die
Langzeitwirkung der Verstrahlung in einem Zeitraum von über zehn Jahren
100 Tschernobyls gleichkommt.«
In Basra haben die Strahlenwerte in Flora und Fauna das 84fache des
von der Weltgesundheitsorga-nisation empfohlenen Sicherheitsgrenzwerts
erreicht. Hier trifft man auf das Unvorstellbare. Dr. Jenan Ali im Allgemeinen
Krankenhaus Basra im Süden Iraks besitzt eine fotografische Dokumenta-tion
all der Babys, die ohne Augen, ohne Gehirn, ohne Gliedmaßen, ohne
Geschlechtsorgane gebo-ren wurden; deren innere Organe außen am Körper
liegen; deren kleine Köpfe und Körper auf gro-teske Weise missgestaltet
sind.
Im nordirakischen Mosul zeigen Studien, die von vier Universitäten
durchgeführt wurden, einen fünffachen Anstieg der Krebserkrankungen
nach 1991. Bei einer informellen Umfrage in der Regi-on wurden 20
missgebildete Babys in 160 Haushalten gezählt; die Väter waren
zumeist im Golfkrieg Soldaten gewesen. Die US-amerikanische Journalistin
Barbara Namim Aziz zitiert die Bemerkung eines Landwirts, es gebe aus diesem
Grund weniger Eheschließungen: »Die jungen Leute haben Angst,
dass ihnen missgebildete oder tote Kinder geboren werden … Wir schauen
uns in unserem Dorf um, jeder kennt Paare, die mißgebildete Kinder
haben.«
Der Anstieg der Krebsrate in Irak seit dem Golfkrieg ist ausführlich
dokumentiert worden. Das menschliche Leid ist weniger bekannt die Betten,
in denen an einem Tag noch kleine, schmale Ge-stalten liegen und die am
nächsten Tag leer sind. Ich erinnere mich an Esra, im Al-Mansour-Kinderkrankenhaus
in Bagdad; eine zerbrechliche, schöne 17jährige, die alt genug
war, um zu wis-sen, dass sie sterben würde. Der Krebs hatte ihr zentrales
Nervensystem weitgehend gelähmt, aber sie konnte noch weinen. Sie
weinte seit drei Wochen sie wollte gesund sein, nach Hause gehen, weiter
lernen und vor allem: leben. Jassim, der Junge, der davon träumte,
ein Dichter zu werden, wird mir für alle Zeit im Gedächtnis bleiben.
Der zweijährige Ali Maksoud bekam nicht einmal ein Bett im Krankenhaus.
»Für diesen Patienten kommt jede Hilfe zu spät, wir können
nichts tun«, sagte Dr. Selma Al Haddad, Onkologin im Al-Mansour.
In früheren Zeiten hätte er eine palliative Behandlung bekommen,
aber die Betten und Res-sourcen werden jetzt für diejenigen gebraucht,
die noch eine Chance haben, nicht für die, für die es keine Hoffnung
mehr gibt. Vor dem Krankenhaus saß seine Mutter auf dem Boden, gegen
eine der großen weißen Säulen am Eingang gelehnt. Ali
klammerte sich unter ihrer schwarzen Abaya an sie; ihre Tränen fielen
auf sein kleines, stilles Gesicht.
Es wird geschätzt, dass, wenn die Krebsrate so weiter steigt,
44 Prozent der Bevölkerung innerhalb von zehn Jahren an Krebs erkranken.
»Wenn du eine Entscheidung triffst, denke immer an die siebte
Generation«, sagt ein indianisches Sprichwort. Wenn wir nicht endlich
danach handeln, wird es vielleicht nicht einmal eine dritte geben.
Übersetzung: Heike Makowski
Der Beitrag ist entnommen aus dem Buch Der Irak ein belagertes Land",
herausgegeben von Rüdiger Göbel,
Joachim Guilliard, Michael Schiffmann entnommen, PapyRossa Verlag,
Köln 2001, Broschur 250 Seiten,
ISBN 3-89438-223-6
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