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Uranmunition

Fakt - Aktuell

Remscheid

Sendung vom 15.01.2001 Bericht:Coch / Frauendorfer / Nobereit

Remscheid am 08. Dezember 1988. Ein US-Kampfbomber vom Typ A 10,
"Thunderbold II", stürzt auf ein Wohngebiet,
rammt ein Haus in der Stockder Straße und zerschellt auf einem
Firmengelände. Die ganze Umgebung liegt in
Trümmern. Teile des Flugzeugs sind über hunderte Meter verstreut.
Tragische Bilanz: 6 Tote, 50 Verletzte.

Doch schnell entstehen neue Befürchtungen. Christa Schwandrau-Schulte
begegnet einen Tag nach dem Absturz an dieser
Stelle einem amerikanischen Soldaten, der warnt sie:

Christa Schwandrau-Schulte
"Hier können nie mehr Kinder spielen. Da sag ich warum nicht? Warum
sagen Sie mir das als Amerikaner? Und
er sagte: Das muss ich Ihnen als Amerikaner sagen. Dann sagen Sie mir
doch mal was Näheres dazu und er
sagte, er will ansetzen und der Minute kommt ein Vorgesetzter noch mit
jemandem anderen, Amerikaner, und hat das
Gespräch unterbrochen und er hat auch nicht mehr mit mir
weitergesprochen. Die Frage blieb für mich
danach: Warum hat er mich noch beunruhigt, wenn er nicht wirklich selbst
auch Angst gehabt hat?"

Angst vor Uran-Kontamination? Denn die A 10 ist im Kampfeinsatz mit
uranhaltiger Munition bestückt. In Remscheid
heißt es zwar, es wäre nur Übungsmunition an Bord gewesen. Doch Zweifel
halten sich bis heute. Und: Die A
10 ist standardmäßig mit Urangewichten in den Tragflächen ausgestattet,
die die Stabilität bei unterschiedlicher
Beladung gewährleisten sollen, sogenannte Trimmgewichte. Sie bestehen
aus abgereichertem Uran 238.

Wissenschaftler warnen, dass aus diesem Stoff im Brandfall ein
aggressiver Feinstaub entsteht, radioaktiv und hochgiftig, wenn
er beispielsweise eingeatmet wird.

Rolf Bertram
Physiker
"Das auffälligste Ereignis bei der Inhalation, bei der Aufnahme von
Feinstaub, besteht darin, dass das
Immunsystem stark geschwächt wird. Das kennen wir ja aus Ereignissen wie
Tschernobyl oder auch aus anderen
katastrophalen Ereignissen aus der Kerntechnik. Das ist das
Auffälligste. Später kommt es dann zu
Erkrankungen des Blutsystems, man spricht von Leukämie. Aber es können
auch alle anderen
Krebserkrankungen eintreten."

In Remscheid erkranken bald nach dem Absturz zwei Kinder an Leukämie,
eines stirbt nach zwei Jahren. Die Krebsrate
bei Kindern verdoppelt sich im Vergleich zum Bundesdurchschnitt, das
bestätigt auch das Kinderkrebsregister, bestreitet
allerdings einen Zusammenhang mit dem Absturz. Fehlgeburten,
Missbildungen bei Neugeborenen werden von einer
Bürgerinitiative festgestellt. Und: In der Umgebung der Absturzstelle
erkranken zunehmend auch Erwachsene.

Im Juli 1992 stirbt der Mann von Elli Hartung an Krebs. Vor dem Absturz
der A 10 hatte er keine Symptome, die darauf
hinwiesen. In der Nähe des Unfallortes hatte die Familie eine Garage
gemietet. Weil die leer stand, wurde sie von den
Amerikanern beschlagnahmt, um darin Flugzeugteile vorübergehend zu
lagern. Karl-Heinz Hartung hat beim Einsammeln
der Teile geholfen, war öfter in der Garage. Zwei Jahre später erste
Anzeichen der Krankheit:

Elli Hartung
"Er wurde immer müde, immer mehr müde, und dann kriegte er hier am Hals,
wurde das so blau rot und
das beängstigte mich etwas. Wir sind direkt zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt
gegangen und der hat uns zum
Lungenarzt geschickt und vom Lungenarzt direkt ab ins Lungenkrankenhaus
nach Solingen."
Frage: Was wurde festgestellt?
"Krebs."

Auch der Junior-Chef der Firma WEZU-Werkzeuge, auf deren Hof die
Maschine zerschellte, erkrankt an Krebs. Der Vater
hat seinen Sohn Klaus-Werner bis dahin nur als einen sportlichen
gesunden Mann gekannt.

Werner Zulauf
"Dann kam erst nach dem Absturz, dass er sich da nicht mehr so 100%ig
wohl fühlte. Dann hat er selbst schon
mal gesagt: Na hoffentlich hab ich mir da nichts zugezogen. Aber wer
denkt denn an sowas."

Vor drei Jahren ist Klaus-Werner Zulauf an Krebs gestorben.

Eine mögliche Urangefahr wird in Remscheid von den Verantwortlichen
heruntergespielt. Von Anfang an will sich die
US-Armee nicht in die Karten sehen lassen.

Tagesschau vom 09.12.88
Ärger hat es am Anfang der Rettungsarbeiten gegeben, als amerikanische
Spezialtrupps den Rettern den Zugang
zur Unglücksstelle erschwerten. Der US-General Anderson gab dies heute
indirekt zu und gestand, dass es in
diesem Fall und bei der Information einige Schwierigkeiten gegeben hat.

Zwar wird nach dem Absturz eine offizielle Untersuchung eingeleitet,
aber es gibt sofort Kritik, weil sie sich nur auf
mögliche Schäden durch PCB und Dioxin konzentriert.

Frau Veronika Wolf
Umweltingenieurin
"Diese Untersuchung sollte Aufschluss geben darüber, inwieweit das
Gebiet verseucht ist. Es hatte nicht Auftrag
herauszufinden, ob es vom Flugzeug eingetragen wurde, sondern nur
feststellen, welche Verseuchungen sind da, wobei
Uran ausgespart wurde."

Otmar Wassermann
Toxikologe
"Bei Unterstellung, dass die Verantwortlichen von uranhaltigem Material
gewusst haben, war es eine falsche
Fährte, die, ich möchte das sogar ganz deutlich sagen, möglicherweise
bewusst gelegt worden ist."

Doch von der Stadt kein Interview. Die hält lediglich eine
Presseerklärung bereit. Darin werden die möglichen
Gefahren durch giftigen Uranstaub allerdings nicht erwähnt.

Der Toxikologe Otmar Wassermann erkennt in dieser Haltung eine gewisse
Kontinuität.

Otmar Wassermann
Toxikologe
"Ich erinnere mich genau an die damalige Zeit, dass die Stadt alles
getan, um nicht aufzuklären, d. h. wir
stießen an eine Mauer von Informationsblockaden. Und auch diese
Presserklärung hier ist von einem so
geringen Informationsgehalt, dass ich sie eigentlich für eine
Fortsetzung der Verdunklungsstrategie halte."

Geblieben sind die Ängste bei all den Menschen, die damals in der Nähe
der Unglücksstelle waren, z.B. bei
Mitarbeitern des an Krebs verstorbenen WEZU-Geschäftsführers.

Bärbel Witczak
Mitarbeiterin WEZU-Werkzeuge
"Ich denke, dass man schon bei jeder Kleinigkeit, wenn man irgendwelche
gesundheitlichen Probleme hat, dass man
schon an diesen Flugzeugabsturz damals denkt und grade jetzt wieder bei
dieser neuen Diskussion, dann denkt man
schon immer, ist man noch gesund?"

US-Armee, Verteidigungsministerium und die Stadt sind jetzt in der
Pflicht, den Bürgern endgültige Klarheit zu
verschaffen, d.h. den Fall Remscheid neu aufrollen!

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Zuletzt geändert: 09.07.2006